Seite:Meyers Universum 13. Band 1848.djvu/223

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

sondern sich die Masse ihrer erfreut und kein Stand von ihrem Genusse ausgeschlossen ist. Dier kann man sehen, was für Früchte dem Volke am Baume der Bürgerfreiheit erwachsen. Einem russischen Sklaven hilft auch ein Paradies nichts; es macht ihm seiner Ketten Last nur um so drückender; und was helfen die reichsten Aerndten dem Leibeignen, wenn er sie nur für Andere einspeichern muß und diese ihm nichts lassen, als – die Arbeit!

Gepriesen sind die Rebgelände des Rhonethals um Valence und weiter abwärts, und der Wein, der hier wächst, gehört zu dem besten Frankreiche. Die Krone ist die „Eremitage“, berühmt erst, seitdem nicht mehr fromme Hände Kelter und Keller warten. Unter den andächtigen Mönchen reiften die Trauben in bescheidener Eingezogenheit, und ihr Saft verging in der stillen Zelle und dem kühlen Refektorium so umbemerkt, wie vordem der berühmteste unseres Rheingaus. Die Geistlichkeit war überall und zu allen Zeiten dieselbe, und Priester und Pfaffen haben immer darauf gehalten, daß es ihnen an einem guten Glas Wein so wenig fehle, wie den Völkern an Gnadenbildern, Reliquien, Prozessionen und Vergebung der Sünden. – Aber weniger über die Priester, als über das dumme Volk soll man sich ärgern, wenn es Götzen als Gottheiten auf seinen Altären duldet.

Wie der Einzelne sein Schicksal selber schmiedet, so thun’s auch die Völker. Ein Volk aber, das sich Christus erhabene Lehren von Priestern fälschen läßt, hat kein Recht, Besseres zu erwarten, so wenig wie eine Nation, welche so tief gesunken ist, daß sie das Recht nach der Macht bemißt und in jedem Erfolge ein Gottesurtheil sieht, über die Sklavenketten klagen darf, welche sie blutrünstig drücken. Ich kenne eine Nation, welche die Wortführer ihres Rechts und ihrer Freiheit mit Gleichgültigkeit in die Verbannung ziehen sieht, vorübergeht an ihren Kerkern, ohne ihrer nur zu gedenken, in den Tagen der Prüfung und der Leiden ihren Gefeierten den Rücken kehrt, ihre Besten verleugnet, ihre Kämpfer verläßt; eine Nation, die sich heute an den Siegeswagen der Freiheit spannt und morgen den Triumph der Unterdrückung verherrlicht; ein Volk, das heute einen verhaßten Fürsten als Strohmann an tausend Orten auf dem Scheiterhaufen verbrennt, oder mit dem Stein am Halse in’s Wasser stürzt und ihn am nächsten Tage zum Herrn sich auserwählt: – und wer diese Nation ist, das wißt ihr Alle und schämt euch ihres Namens! O mein Vaterland! das ist das hohe Kreuz, das auf dem Grabe der Hoffnungen deiner edelsten Geister steht, und jeder Tag hängt an dieses Kreuz einen frischen Dornenkranz. –