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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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zum Schlosse, und zwischen ihnen streckt sich die Stadt aus mit breiten, schönen, schnurgeraden Straßen, in welchen hie und da sich ein Palast oder eine Kirche im Rococostyl bemerklich macht. Aber die Stadt ist wie ausgestorben, Gras überzieht das Pflaster, manche Häuser sind geschlossen und ohne Bewohner. Die Bevölkerung, die in den Tagen des Glanzes 110,000 war, ist auf ein Fünftel gesunken.
Das Schloß, „an dem sich Frankreich arm gebaut hat,“ liegt isolirt auf einer Landhöhe. Der erste Anblick rechtfertigt die Vorstellungen nicht, die man gewöhnlich mitbringt; man denkt sich einen Palast von ungeheuerer Dimension, und findet eine Menge Paläste, die, einzeln betrachtet, weder durch Bauart, noch durch Größe imponiren. Erst wenn man die Gesammtheit als kolossale Einheit auffaßt, bekommt man einen Maßstab der Größe, die nicht zum zweiten Male in der Welt vorkommt, und erst durch die Reflektion wird der Eindruck gewaltig. Wie verloren irrt das Auge von Gebäude zu Gebäude der unermeßlichen Gruppe, die nach dem Park zu eine Fronte von fast 2000 Fuß einnimmt. Der reiche Schmuck der Attike mit Vasen, Statuen und Trophäen verleiht dem Ganzen die Weihe und die Heiterkeit der Kunst und stempelt jedes Gebäude zu einem Prachtbau, in dem der denkende Beschauer den treuen Ausdruckt in der Geschichte, Literatur und Kunst des glänzendsten Zeitalters Frankreichs wiederfindet. Versailles mit seinem Schloß und Park ist der wahre Spiegel der Zeit und der Welt Ludwig’s XIV., jener verrufenen Perückenzeit, in welcher die Menschen Unnatürlichkeit und Lüge auf denselben Altar stellten, von dem sie die Wahrheit gestürzt hatten, und die jene Teufeleien zur Weltgeltung brachten, welche noch jetzt als Vornehmheit, Repräsentationsmanier, Würde, Anstand und Etikette in der Gesellschaft Kurs haben und den Schein und die Heuchelei zu geselligen Tugenden erheben.
Die Schloßgebäude sind auf 3 Seiten von dem unermeßlichen Park eingeschlossen, in dem die rococofreundliche Jetztwelt das Meisterwerk des berühmten Le Notre bewundern kann. Es ist in seiner Weise allerdings ein großes Kunstwerk. Die richtige Berechnung starker Effekte durch die schöne Vertheilung großer Massen und die strenge Regelmäßigkeit des Styls in der Anordnung bringen die Anlage mit dem Palast und dessen Verzierungen im vortrefflichsten Einklang. Die feierliche Grabesstille, welche an gewöhnlichen Tagen in dem dann menschenleeren Park herrscht, erhöht nicht wenig die Größe des Eindrucks. Reich und geschmackvoll vertheilte Gruppen dunkler Bronzestatuen, welche wie entseelte Wächter einer fremden Welt an grauen, steinernen, wasserleeren Bassins ruhen und die Schaaren von Marmorstatuen, welche sich in blendender Weise aus dem dunkeln Waldesdickicht hervorheben, geben dem Ganzen ein geisterhaftes Ansehen. Man denkt an den Aufenthalt einer Fey oder verwünschten Prinzessin. Alle jene Werke sind aus den Händen der größten Künstler der Periode hervorgegangen (Desjardin, Conston, Girardon etc.); die Bronzegüsse fertigten die berühmten Brüder Keller. Sie stehen nun seit länger als anderthalb Jahrhunderten im Freien da, und nicht die geringste Beschädigung von frevelnder
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 224. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/232&oldid=- (Version vom 8.5.2025)