Seite:Meyers Universum 13. Band 1848.djvu/233
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
|
|
Hand hat ein einziges dieser Kunstwerke geschändet. Ihre Zahl ist Legion und deren Betrachtung könnte Tagelang unterhalten, wenn die Unnatur, die in diesem Park auf jedem Schritte Auge und Sinn verletzt, diese beschnittenen, himmelan ragenden Alleen von hundertjährigen Linden und Buchen, diese in die absurdesten Gestalten gezogenen Taxushecken mit den schnurgeraden, sich durchkreuzenden Wegen und steifen Blumenparterres, diese unzähligen Wassergötter und Fischgestalten, die mit weit aufgesperrten Rachen und Nüstern auf dem Trocknen sitzen und zu verlechzen scheinen, diese Verlassenheit und Oede, die allwärts hervortritt, nicht bald allen Genuß benähmen. Ein unbewußtes Verlangen nach der lebensfrischen Natur erfaßt den Besucher schnell und ein unheimliches Gefühl treibt ihn gewaltsam von dem Schauplatz einer abgestorbenen Zeit. Wer von der traurigen Eintönigkeit der absoluten Monarchie eines Ludwig XIV., zugleich aber auch von der Vergänglichkeit und Nichtigkeit der menschlichen Dinge einen unauslöschlichen Eindruck empfangen will, der komme an einem stillen, trüben Tage in den Park von Versailles. – In ganz veränderter Gestalt erscheint aber derselbe an hohen Feiertagen, wenn die Pariser Welt herzuströmt und die großen Wasserkünste spielen. Das sind Volksfeste, und ein Volk versammelt sich dann wirklich in diesen sonst so menschenleeren Gärten. An einem solchen Tage führen bloß die Eisenbahnen an 100,000 Besucher her, und die ganze, 4 Stunden lange Straße von Paris ist mit Fuhrwerken aller Art bedeckt; nicht zehnhundert sind’s, nein! zehntausend! Dazu kommen die Fußgänger – ein Kontingent von 50–60,000, – und so beleben sich Schloß und Park von Versailles plötzlich mit ¼ Million frohen Parisern. Der wogende Menschenstrom zieht Alles mit sich fort, was sich ihm naht; und wer ihm entrinnen will, lagert sich zu den Tausenden auf den Grasplätzen und um die Bassins, – zu der Menge, die mit Ungeduld des Augenblicks harrt, wo sich der unsichtbare Athem von Göttern und Halbgöttern, von gähnenden Thieren und grinsenden Ungeheuern in sichtbare Wasserströme verwandeln soll. Ein Kanonenschuß ertönt; auf einmal beleben sich die Gruppen wie durch Zauber, die Wasser fangen an zu strahlen, zu rauschen und zu plätschern, mit jedem Moment wird die Szene lebendiger, und die hundert und aber hundert Gestalten erhalten auf einmal Sinn und Bedeutung. Dort streiten Tritonen mit Nereiden; hier ist Götterkampf und Thierhetze; dort siehst du die Bewohner des hohen Olymps von Wasserkünsten gebadet, hier die reizenden Nymphen der Diana von Wasserglorien umstrahlt; Aesops ganze Schöpfung, von den Ungeheuern des Waldes, den Thieren des Feldes, den Vögeln in der Luft an, bis zu den Fröschen und Mäusen, ist in Wasserkünste verwandelt, selbst die ernsten Götter der Unterwelt necken und spritzen sich, und Gladiatoren halten Zweikampf. Dazwischen steigen aus dem Boden empor und schießen von den Gipfeln der Bäume herab aus vielen hundert Röhren unzählige Wasserstrahlen, Wasserdampf sprüht einher und fällt als Regen auf die Menge nieder, die bald dahin, bald dorthin flüchtet in unbeschreiblicher Hast und Verwirrung. Denke dir dazu das tausendfarbige Zauberspiel des Sonnenlichts in dem weißen und schäumenden
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 225. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/233&oldid=- (Version vom 8.5.2025)