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DLXX. Der Giralda in Sevilla.




„Wehe dem Lande, dessen König ein Kind ist!“ – Dieser Bibelfluch, eine Frucht bitterer Volks-Erfahrung, ward, wie so viele andere Schätze der Weisheit, verhöhnt von den Hausgesetzen der spanischen Könige, und die Nation muß dafür büßen. Rächt es sich schon am Einzelnen, wenn er den Lehren der Erfahrung das Ohr verschließt, um so härtere Folgen werden Völker tragen müssen, wenn sie taub sind gegen die Mahnungen der Geschichte und sich feige oder gleichgültig das Böse aufzwingen lassen von bösen Händen. Der Acker, der die Saat des Unkrauts aufnimmt, trägt keinen Weizen, und wer dem Unrecht die Thüre öffnet, läßt das Unglück in’s Haus. Neun Zehntel alles Volkselends auf Erden kommen daher, daß die Nationen den ersten Widerstand scheueten bei der Einführung verderblicher Staatseinrichtungen, welche ihnen von den Inhabern der Gewalt mit List oder Zwang aufgebürdet wurden. Sie schluckten das Gift, statt die Hand zu zerschlagen, die es ihnen verrätherisch anbot, und sie büßten dann mit einem elenden Leben voll Schmerz und Reue, oft mit langem Siechthum und vorzeitigem Tod.

Davon ist Spanien seit Jahrhunderten ein furchtbares Exempel. Wenn irgend ein Land der Erde den Stempel der Gnade Gottes an der Stirn trägt, so ist es jene Halbinsel. Aber blickt hin, wie dick und schwer hat sich der Fluch des Unrechts darüber gelegt, das seine Gewalthaber ausgestreut! In den blühendsten Garten der Erde verpflanzte Gott ein herrliches Geschlecht, wohlgestaltet und reichbegabt, ausgerüstet mit den edelsten Eigenschaften dreier Nationen, deren jede einmal an der Spitze der Menschheit stand: der Römer, der Araber, der Germanen, und das Land, hinausgestreckt wie die Faust Europa’s, schien bestimmt, die erste Zierde der Freiheit, Macht und Ehre zu seyn in der alten Welt. Was ist aus dieser Faust geworden? Eine zerschlagene, matte, blutige Hand, einst mit Gold und Edelstein geschmückt, jetzt mit eisernen Fesseln behangen.

Es war eine Zeit, wo das spanische Volk alle Welt erfüllte mit dem Glanze seiner Waffen und dem Ruhme seiner Thaten. Im 16. Jahrhundert war keins größer und gewaltiger; keins von einem stolzeren Selbstgefühl, von heißerer Vaterlandsliebe durchdrungen, keins bildungsreicher und der Freiheit würdiger, und sein fester, unerschütterlicher, religiöser Glaube, der alle Fasern seines Lebens durchdrang, flößte ihm jenes Gefühl der Unüberwindlichkeit ein, welches vor keinem Wagniß zurückbebt und die größten Gefahren sucht, nur um sie zu besiegen. Damals war den Spaniern die Erde unter die Füße gegeben, und in der ganzen Nation war der stolze Gedanke