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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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Veste und Staatsgefängniß bei Paris.
In dem Wallgraben jenes Schlosses führt man den Wanderer zu einem einfachen Stein, der eine traurige Geschichte erzählt. Ein Jüngling aus dem Geschlechte der Könige von Frankreich ist dort erschossen worden. Er war kein Verbrecher nach dem Ausspruch seines eigenen reinen Gewissens und nach dem Urtheil der Welt; er lebte in dem festen Glauben, daß auf die Krone der französischen Nation seinem Stamme ein göttliches Recht verliehen sey, und mit diesem Glauben trat er für sein Recht bewaffnet in die Schranken. In Frankreich war aber ein anderes Recht zur Gewalt gekommen, und diese Gewalt tödtete ihn. Das ist die Geschichte.
Es bedeutet wenig, daß dieser Jüngling ein Herzog von Enghien war, und eben so wenig, daß er talentvoll und wohlgestaltet in der Blüthenzeit des Lebens stand. Wie viel Edleres und Herrlicheres frißt jeder Krieg, vernichten tausend dämonische Mächte auf dem Erden- und im Geisterreich! Daß aber die Gewalt den Mantel der Gerechtigkeit um sich werfen und mit dem Schwerte derselben eine That der Rache und Heimtücke vollbringen konnte, das ist das Fluchwürdige der Begebenheit. Napoleon machte sich durch dieselbe zum gemeinen Mörder, und sie stürzte ihn tiefer hinab, als zehn verlorene Schlachten.
Noch Traurigeres erzählt uns das Schloß selbst, das von jenen starken Thürmen beschützt und bewacht wird. Es ist ein Staatsgefängniß. – Wo der Verbrecher seine Strafe leidet und in einsamer dunkler Zelle, oder an harte Arbeit gefesselt, begangenes Unrecht abbüßt, da mag der Genius der Menschheit, wenn auch trauernd, doch versöhnt vorüberziehen. Nothwendigkeit ist selbst ein Trost, und Gerechtigkeit ist die festeste Säule des Staatsbaus; bei ihr muß eine zwar immer menschliche, doch unbestechliche Schutzwacht stehen. – Aber sind es nur Verbrecher gewesen, die dort ihre Stirne an das Eisengitter preßten und jammernd zu den Wolken des Himmels emporblickten? oder die tief unten in der Kerkernacht schmachteten, auf lange, ja, wohl auf ewig geschieden von Gottes Licht und Luft? – Nein! Mit dem Missethäter, mit dem Auswurf der Menschheit theilten das gleiche Loos auch Männer, die in ihrem Innern keine schuldige Stelle fanden, Männer, die für ihre Partei, für ihren Glauben, für ihre Ueberzeugung muthig das Höchste, das Liebste im Leben gewagt, die im edelsten Kampf auf Erden, in dem für Freiheit und Vaterland, die theuersten Opfer gebracht hatten: kurz, jene Männer, die als
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 243. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/251&oldid=- (Version vom 9.5.2025)