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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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Es war ein frischer, glänzender Maimorgen. Die Nebel waren von den Bergen in die Tiefe gestiegen und füllten die Thäler wie ein wogendes Meer. Die Sonne aber sah mit hellem, feurigem Auge der Liebe auf die weißen Wogen und suchte die Erde. – Wir waren herabgestiegen von der Wildhäuser Höhe. Da erhob sich ein Luftzug, die Nebel verschwanden, und entschleiert lag vor uns ein idyllisches Landschaftsbild. Auf fetter Alp, auf der einige Rinder grasten, zwischen kleinen Gärten und schossenden Kornfeldern, stand ein zwar altes, aber doch noch wohl erhaltenes, von großen Holzstämmen sauber gefügtes Haus. Haselsträucher streckten an der einen Seite ihre Arme bis zum Dach hinan, und die Holzwände waren mit Epheu übersponnen, das an den Vorsprüngen und Gesimsen im Winde flatterte. Auf dem Schindeldache lagen große Steine, nach schweizer Sitte, zum Schutz gegen die Stürme. Um den niedrigen Holzzaun des Vorgärtchens schlang sich das Geisblatt, und auf einem langen Blumenbeete, unter den Fenstern der Giebelseite, standen in buntgemalten Töpfen, sorgfältig gereiht, allerhand Gewächse zur Zier. Vor dem Hause, dem man die Behäbigkeit und Ordnung im Innern schon von Außen ansah, spielten um ihre Aeltern liebliche Kinder auf dem Rasen, während ein stämmiger Bursche, der aus dem nahe vorbeirauschenden Bergwasser zwei Eimer gefüllt hatte, dem Hause zuschritt, begleitet vom kläffenden Hofspitz. Welch ein heimliches, wohlthuendes Bildchen! sagte ich zu meinem Begleiter. Der aber nickte sinnend und sagte fast verwundert: Du weißt wohl gar nicht, wer hier in diesem Hause gelebt hat? wer auf dieser Felsbank gesessen? welche Gedanken hier geboren wurden zu ihrer Wanderung über die weite Erde? welche Geisteskraft in dieser Bergeinsamkeit zu einer Zeit wirkte, die Gott auserkoren hatte als die erste Wehestunde der neuen Zeit, welche noch ungeboren im Schooße der Zukunft liegt? Hier in dieser Hütte wohnte der Mann, der mit Luther durch die Geschichte geht bis zum letzten Menschentage; der Mann, der die Weltherrschaft Roms erschütterte; der Mann, der der päpstlichen Allmacht tiefere Wunden schlug, als alle Kaiser und Könige; der Mann, dessen Name unter den Besten und Größten glänzt, ewig, herrlich und fleckenlos, wie das schönste Gestirn am Himmel. In dieser grauen Hütte lebte – Zwingli.
Und wem schwölle nicht das Herz beim Klange dieses Namens? Wenn wir das kleine Haus betrachten und der Größe gedenken der noch beständig fortwirkenden Ereignisse, welche hier ihren Ausgangspunkt fanden, werden wir dann nicht von dem Gedanken betroffen, daß nicht nur das Schicksal dem Menschen seinen Weg macht, sondern daß auch zuweilen der Mensch selbst die Geschicke zügelt? Moses, Christus und Mohammed, Luther und
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 255. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/263&oldid=- (Version vom 13.6.2025)