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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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auf Erfolg, hinaustreten konnte an’s Tageslicht mit siegender Kraft. Die Zeit war damals für die religiöse Freiheit ganz so, wie sie jetzt für die politische ist. Man ertrug das Unerträgliche nur darum – weil Niemand an eine Dauer desselben glaubte.
Das 15te Jahrhundert war zu Ende. Die Wetterwolken hingen rabenschwarz über dem schuldbeladenen Sündenbau. Der Sturm heulte, Konzilien auf Konzilien wurden gerufen. Sie eiferten, sie tünchten, sie festigten: – aber der Sturm heulte fort, die Sparren knarrten, die Fugen öffneten sich, die Mauern spalteten. Konzilien wurden nun nicht mehr gerufen: sie hatten ihre Kraft verloren, der Zauber ihrer Macht war mit dem Glauben verschwunden. Aus Gutenberg’s Hand hatte Deutschland das Geschenk des Himmels empfangen, das die Mittel der Erkenntniß in jede Hütte trug, und die Idee der Glaubensfreiheit keimte und trieb in allen Herzen. Es brauchte nur eines Winkelrieds, der ihr eine Gasse bahnte, und sie konnte eine Welt erobern.
Und der Winkelriede erschienen zwei auf einmal: Luther und Zwingli. – Zwingli, der in der stillen Hütte der Alpen sich bereitet hatte zu seinem kühnen Unternehmen, bestieg im Jahre 1516 die Kanzel zu Glarus, und auf sein begeisterndes Wort zerrissen Hunderttausende die Fesseln Roms.
„Große Geister“ – bemerkt der treffliche Zschokke über Zwingli’s Wirken – „stehen über ihrem Jahrhundert. Kein Wunder, wenn sie dieses nicht begreift und ihnen den Dornenkranz auf’s blutende Haupt drückt, welchen erst die Nachwelt zum Siegeskranz macht.“ – Ein solcher Geist war Zwingli. Schon hatte er Rom besiegt in vielen Geisterschlachten, da wurde er durch die Arglist und Niedertracht seiner Feinde ein Gegenstand des fanatischen Hasses des Volks, das er aus den schmählichsten Fesseln erlösen wollte. Man verfolgte ihn, mißhandelte ihn, verwüstete seine Wohnung, und eine Zeitlang begleitete ihn auf jedem Schritt Lebensgefahr. In Bildern und Flugschriften wurde er dargestellt als der Antichrist, als der Satan im Gewande eines Volksverführers, um das Volk zu verderben. Es erging ihm, wie es den Helden in unsern Tagen ergeht, die für die Befreiung der Völker gegen die Tyrannen kämpfen. – Aber Zwingli ertrug diese Zeit des Hasses einer fanatisirten Menge mit der Gelassenheit seines ewigen Vorbildes und Meisters, – und eben so wenig erregte später die öffentliche feurige Bewunderung und die Verehrung, die ihn unausgesetzt bis zum Grabe begleitete, seinen Stolz. Er trug die Last der Liebe, wie er das Kreuz des Hasses früher ertragen hatte: mit christlicher Geduld. – Zwingli war human. Niemals hat er Andere verketzert und selbst seinen Feinden versagte er nicht das Zeugniß der Achtung, wenn sie deren werth waren. Ueber Andersgläubige hatte er die erhabendsten Begriffe. Weit über sein Zeitalter ragten sie hinaus, und selbst von Luther wurden sie mißverstanden. Er schrieb: „Ich erkenne auch in den Lehren, Thaten und Tugenden der großen Griechen und Römer, die nichts gewußt von Christo, Offenbarungen Gottes.“ Und ein andermal: „Gottes Haus wurde nicht in Palästina allein gebaut: denn nicht Palästina hat jener himmlische Schöpfergeist allein geschaffen, allein geliebt, sondern – das Weltall.“
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 259. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/267&oldid=- (Version vom 13.6.2025)