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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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daß die Berechtigung zur Erlangung dieser Güter die gleiche sey für alle Klassen, und tritt folglich der Bevorzugung einzelner Stände überall stracks entgegen. Dagegen ist ihr gleichgültig, oder gar eine Thorheit jedes Wissen, was sich nicht als nützlich für das praktische Leben erkennen läßt, oder es mittelbar fördert. Auf solcher Basis nun hat die neuere Pädagogik den Bau der Gegenwart begründet und den der Zukunft vorbereitet. Beschäftigung mit dem Alterthum, seinen Sprachen und seinem Geiste ist ihr eine entbehrliche Thätigkeit, die frühere Ueberschätzung der klassischen Bildung ist in das Gegentheil umgeschlagen, der Verkehr mit dem Alterthum überhaupt erscheint ihr als ein Widerspruch mit der Zeit, ja sie verdammt ihn wohl gar als ein Verderbniß für junge Geister, weil sie diese in gefährliche Träume versetze und sie unbrauchbar für die Erfüllung der Anforderungen mache, welche die Gegenwart stellt. Den Wissenschaften gibt sie eine neue Rangordnung, und angewandte Chemie, Physik und Mechanik nehmen in ihrem System des Unterrichts die vordersten Reihen ein.
Es ist nicht zu leugnen, daß bei der Stärke und Unwiderstehlichkeit, mit welcher das Gegenwärtige, das Greifbare, das Meß- und Zählbare mit ihren Herrlichkeiten in die Gemüther der Massen eingezogen sind, die Sympathien für die eigentlichen Geistesinteressen erkalteten. Daher die überall auftretende unerfreuliche Erscheinung steigender Gleichgültigkeit gegen die Religion, wie gegen alle höheren Bestrebungen auf dem Gebiete der Intelligenz und der Bildung. Selbst die gepriesene Neigung der Aristokratie, die bürgerlichen Gewerbe zu fördern, hat nur zu oft in der Adoration des neuen Erdengotts, des Geldsacks, seine schmutzige Quelle. Viele (gewiß die Meisten), die es nicht verschmähen, ihn als Hausgötzen in ihre Paläste einzuführen, denken inzwischen wohl nicht daran, daß sie damit in den Kreis hinuntersteigen, der weder der Geburt, noch der Bildung eine Vorzugsberechtigung zugesteht. Denn der neue Baalsdienst will von der Tradition nichts wissen, der Bildung, die in der Ueberlieferung wurzelt, versagt er die Anerkennung, und den herrlichen alten Kulturbau der klassischen Vorzeit, läßt er willig in Trümmer fallen wie die Säulenhallen und Tempel. Trauern wir um ihn! doch entmuthigen darf uns die Trauer nicht! Abwendend den Blick von dem Verlorenen, müssen wir ihn mit fester Zuversicht in die Zukunft werfen und vertrauen, daß auch die neue Zivilisation der Veredlung nicht entbehren und sie einst die Menschheit schmücken werde als lichter Ehrenkranz. Träumt nicht, wie Viele thun, von einem rückwärtsgehenden Prozeß der europäischen Kulturordnung! Wenn die alte Gesellschaft in ihre Atome sich auflöst; wenn die Stürme sie verwehen, wenn Throne und Staatseinrichtungen, Stände, Gesetz und Besitz zermalmt im Staube liegen, so bedenkt: es ist die rächende Nemesis mit den strafenden Blitzen, die sie zerschmettert. Und dann erwägt, ist nicht das oberste Gesetz alles neuen Lebens die Vernichtung des alten? Hatten die untergegangenen Kulturen früherer Zeiten weniger Berechtigung, als die heutige, und ist diese nicht auch auf dem Todtenacker jener emporgewachsen? – Meine Freunde! Der Strom des Menschengeschlechts zieht durch’s Meer der Ewigkeit,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 264. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/272&oldid=- (Version vom 13.6.2025)