Seite:Meyers Universum 13. Band 1848.djvu/281

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Aber vor der Nachgeburt desselben, – der Konstitution, die die Könige gemacht hatten, – verneigten sie sich tief und demüthig. Sie verließen die Paulskirche, legten vor den Pforten derselben die letzten Skrupel ab und trugen ihre der Nation entwendete Ehre und Treue gen Gotha, wo sie dieselbe im Stillen noch einmal verpfändeten. Aus jener Gothaer Zusammenkunft ist nur das Eine hell an das Licht getreten: daß diese Herren nicht nur das Volk, sondern auch die Fürsten getäuscht haben. Das Volk vertraute ihnen, als seinen Weisen und Helden, sein Glück und seine Ehre an, und sie gingen damit durch, als sie die Pfänder des Vertrauens vertheidigen sollten; die Fürsten aber hatten gefährliche Leute in ihnen gefürchtet, und bewillkommneten nun mit dem gebührenden Hohne getreue Schafe auf der Rückkehr zum alten Stall. Das ist die Geschichte Deiner ersten Doktrinäre, deutsches Volk! Sie opferten Deine Hoffnungen, Deine Ansprüche, Deine Rechte, Deine Freiheit, Dein Glück: Alles ihrem Götzen: dem blinden Glauben an die Fürsten. Die Bestimmung des Lohnes für ihre Arbeit liegt in Deiner Hand und der Abrechnungstag bleibt nicht aus.

Ist Dir’s ein Trost bei Deinem Beinbruch, daß der Nachbar den Hals gebrochen hat, so kehren wir zu unserem Ausgangspunkte, zur pariser Universität zurück. Auch sie hat dort, wo ihr Name längst in zweifelhaftem Ansehen steht, ihren mittelalterlichen Geist lebendig zu erhalten gesucht. Weder Revolution, noch Restauration hat das pfäffische Schlingkraut mit der Wurzel auszureißen vermocht, und die Doktrinäre der orleanischen Zeit wußten, was sie pflegten, als sie dem Gelehrtendünkel Lorbeeren steckten, dem Jesuitismus einen stillen Winkel bewahrten und „Ruhe um jeden Preis“ zum Morgen- und Abendgebete des Philisters machten. Die Jesuiten haben ihren höchsten Sieg nach ihrem tiefsten Fall errungen; ihr System herrscht in Frankreich trotz ihrer Verbannung, ihre Saat steht in voller Blüthe trotz der Revolution. Durch eine meisterhafte Berechnung und Benutzung des menschlichen Egoismus und nationaler Thorheit ist die Demokratie in Frankreich für den Augenblick entwaffnet, der Volkswille gefesselt. Es liegen nun zwei Löwen büßend und gebunden neben einander: die französische und die deutsche Nation. Was wird länger halten? die Nationen oder die Fesseln?

Zum Schluß falle noch ein Blick auf den „Cerberus, der das Chaos bewacht,“ wie unser Humboldt die Pariser Universität in Bezug auf den öffentlichen Unterricht in Frankreich genannt hat. Die Revolution hob nämlich die Universität 1792 auf und verkaufte ihre Güter. Vom alten System blieben kaum einige Trümmer übrig. Nach Herstellung der Ordnung wurde ein Neubau nöthig, und schlau warfen sich die Jesuiten als Baumeister auf, welche sich inzwischen des Unterrichts bemächtigt hatten. Doch erst unter Napoleon feierte die Pariser Universität ihre eigentliche Wiedergeburt. Es war eine pomphafte Erscheinung; aber doch nur die Entwickelung des jesuitischen Prinzips unter fremder Firma. Kein Prinzip paßte besser für den Despotismus. Napoleon schob den hierarchisch-religiösen Charakter des jesuitischen Systems auf die Seite, setzte an dessen Stelle den streng-monarchischen des Kaiserreichs, und sein System war fertig.