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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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frei seyn, nicht eingezwängt in feste Formen. Uniformität ist da ein Unding. Der Unterricht gehört der Welt des Gedankens an; er muß getragen, durchstrahlt, durchdrungen, befruchtet, belebt seyn von der Wärme des göttlichen Hauchs, der in den Organismen wirkt, um das Ganze der Vollkommenheit näher zu führen. Der Volksunterricht aber ist unter allen gesellschaftlichen Organen das größte und wichtigste; denn sein Produkt ist ja die Volksbildung, in der das Leben und Fortschreiten der Nationen, oder deren Verfall und Untergang den wahrsten Ausdruck finden. Das Reich der Intelligenz aber ist ohne Grenzen, folglich darf auch dem öffentlichen Unterricht kein streng geschlossener Wirkungskreis angewiesen werden. In Nordamerika, wo der Grundsatz der Lehrfreiheit ein Eckstein und Fundament des Staatsgebäudes ist, in welchem Bürgerfreiheit und Bürgerglück zusammenwohnen, hat sie sich seit drei Vierteljahrhunderten bewährt als ein unschätzbares Gut und eine Mutter tausendfachen Segens. Franklin’s Zuruf an feine Mitbürger im Kongresse vor 70 Jahren, als eine orthodox-kirchliche Partei die Emanzipation des Unterrichts bekämpfte: – „Gebt die Lehre frei, denn die freie Lehre schützt die Freiheit!“ ist eine Wahrheit, die dort von Allen erkannt wird, und von Allen hochgepriesen.
Der Stahlstich zeigt die Mittelpartie der weiten Pariser Universitätsgebäude: das prächtige Portal, welches zur Universitätskirche der Sorbonne führt. Den Grundstein für den unermeßlichen Bau legte am 15. Mai 1635 der Kardinal Richelieu. Lemercier war der Baumeister; er vollendete das Werk 1669. Die Kirche hat die Gestalt eines Kreuzes, Schiff und Chor sind von Seitenkapellen umgeben, korinthische Säulen tragen die Decke; über dem Ganzen erhebt sich eine schöne Kuppel, welche von Philipp de Champagne mit den Bildnissen der Kirchenväter geziert ist. Die zwei Stock hohe Façade sehen wir mit korinthischen und toskanischen Säulen geschmückt, die einem Fronton zur Stütze dienen. Richelieu’s Grabmonument, von Girardin, wurde während der Revolutionsstürme verwüstet, durch Napoleon aber restaurirt! Es steht im nördlichen Kreuzesarm. – In den Gebäuden der Sorbonne haben jetzt von den fünf Fakultäten der Universität die theologische, die Faculté des Lettres (Philosophie, französische und griechische Literaturgeschichte, Geographie und Geschichte, Beredsamkeit und Dichtkunst) und die Faculté des Sciences (Mathematik, Astronomie, Mechanik und Naturwissenschaft) ihren Sitz. Die Zahl der Studenten aller Fakultäten ist etwa 7000; in den glänzendsten Zeiten ihres Flors, im Mittelalter, damals, als (im 15. und 16. Jahrhundert) Paris die größten Denker und Gelehrten der Welt auf seinen Lehrstühlen vereinigte, zählte man zuweilen 20,000 Studenten, und die wissensdurstigen Schaaren aus allen Welttheilen pilgerten nach Paris, wie die Andächtigen nach dem heiligen Rom.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 275. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/283&oldid=- (Version vom 17.6.2025)