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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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Auch Lemberg war einst eine Festung, um das polnische Land zu bewahren. Aber Mauern schützen nicht, wenn die Kraft fehlt, welche die Eintracht den Völkern leiht. Der Thron der Piasten liegt zerbrochen, ihr Reich in Trümmern, und auf den in Spaziergänge verwandelten Wällen ergeht sich knirschend ein gebundenes Geschlecht. Welche Hoffnungen, welche Täuschungen, welche furchtbare Schläge des Schicksals, welche Szenen des Jammers und der Verwüstung wechselten in unsern Tagen auf Galiziens blutgetränktem Boden! Und wer waren die Henker in diesem Drama? Noch heute halten Deutsche Wache an den niedergeworfenen Thoren, vor zerschossenen Palästen, vor den gefüllten Kerkern; und Deutschlands Söhne waren es, welche die Polen würgten, während ihre Väter in der Paulskirche Phrasen wechselten zum Lobe der polnischen Nationalität und keck die Ehre der großen Nation einsetzten für Polens Wiederherstellung. – Ich frage traurig: Hat ein Volk, das so handeln kann, ein Recht zu klagen, wenn es aus dem eigenen Freiheitstraum aufgeweckt wird durch das Hohngelächter seiner Zuchtmeister, oder wenn sein so poetisch begonnenes Nationalschauspiel auf die nüchternste Weise mit Steckbriefen und Standrechtsszenen endigt? Ist ein Volk schuldlos, das, während es sich stolz mit seiner Erhebung brüstet, seine Söhne dazu herleiht, in Italien, in Ungarn, in Polen die Volksfreiheit zu morden und der Tyrannei Schergendienste zu verrichten? Wer war bereit, überall hinzugehen mit Geschoß und Schwert, wo es galt, zu Boden zu schlagen muthige und edle Männer, die sich zum Widerstand gegen fremde Sklaverei erhoben? Wem fluchen die niedergestampften Nationen? Und auf wen rufen die geplünderten, verbrannten, gemordeten Städte, die Wittwen und Waisen der Erschlagenen die Rache des Himmels herab? Ich schreibe es mit tiefstem Kummer nieder: – ein Volk, auf dem solche Verbrechen lasten, darf nicht murren, wenn es aus der Urne der Völkergeschicke für seine nächste Zukunft die dunkelsten Loose hervorgehen sieht. Nemesis greift sie, – die ewige Gerechtigkeit! –
Lemberg, die Hauptstadt Galiziens, hat eine Bevölkerung von 60,000. Es ist in den neuern Stadttheilen schön, in den ältern schlecht gebaut. Der Sitz des Handels und Reichthums, der höchsten geistlichen und weltlichen Behörden des Landes und der Universität, gilt es seit dreiviertel Jahrhunderten als Mittel- und Sammelpunkt der Bestrebungen Oesterreichs, seinen Antheil am polnischen Raube zu germanisiren. Ein Theil der Juden, die fast die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, ist deutscher Abstammung, und deutsch sind die Beamten,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 281. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/289&oldid=- (Version vom 18.6.2025)