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Seit einunddreißig Jahren sehen wir den Bürgerkrieg die unglückliche Halbinsel zerfleischen. Wie oft haben in dieser Zeit die Glocken nicht zum Gebet, sondern zum Kampf und Brudermord gerufen! Und wie oft werden sie noch ihre Klagelaute über Spanien ertönen lassen, ehe sie zum Dankfest laden können ein aus Pfaffennacht und Fürstenfesseln befreites Volk! – Wird je der Tag kommen? oder wird fortrieseln im Brudermorde die Lebenskraft der Nation bis zum Erlöschen, oder bis ein jüngeres Volk ihr mitleidig den Mordstahl in die Brust drückt und ihre Qualen abkürzt? Gegen das Gesetz der Natur hilft kein Sträuben. Pflanze, Thier, Mensch, Volk, Gestirn, alles Geschaffene stirbt, damit junges, frisches Leben Raum erhalte. – Auch die Nationen haben ihren Turnus, und mit ihnen macht die Kultur ihre Wanderungen um den Erdkreis. Es ist eine doppelte Bewegung: – Kreislauf mit Fortschritt, wie die Bewegung der Gestirne.

Nur Einer stirbt nicht, und dieser lauscht mit Antheil dem vielstimmigen Chor der Völker. Ihr Jubel ist seine Freude, und in ihren Klagliedern fühlt er den Schmerz der ewigen Liebe. Doch wenn sie Wunder von ihm begehren, ruft er ihnen zu:

„Helft Euch selber und Euch wird geholfen werden!“

Zu Ende jener blutigen Religions- und Raçenkriege der christlich-spanischen Völker gegen die arabischen Stämme, des Kreuzes gegen den Halbmond, war Sevilla, die Hauptstadt eines Khalifats, nach harter, langer Belagerung auf’s Aeußerste bedrängt worden. Die Außenwerke und Vorstädte waren schon erstürmt und die Belagerer forderten zum letzten Male zur Uebergabe auf. Die Mauren aber erklärten, daß sie sich nur dann ergeben würden, wenn man ihre Hauptmoschee vor der Entweihung schützen würde; außerdem zögen sie vor, sich unter den Trümmern der Stadt zu begraben. Endlich kam eine Kapitulation auf die Bedingung zu Stande, das Gotteshaus, welches den Moslims als das heiligste in ganz Spanien galt, solle sogleich nach der Uebergabe niedergerissen und der Erde gleich gemacht werden.

Als aber der König Ferdinand von Kastilien seinen Einzug in die eroberte Stadt gehalten hatte, ward er von der Schönheit des Gebäudes so betroffen, daß er es nicht über sich gewinnen konnte, den von seinem Feldherrn schon gegebenen Befehl zum Niederreißen zu bestätigen. Um es zu erhalten, brach er sein königliches Wort. Er machte die Moschee zur Kathedrale, und von ihrem freistehenden Thurme – dem Giralda – laden nun seit fast vier Jahrhunderten die Glocken Christen zur Messe. Ein anderer Glaube ist eingezogen und andere Priester dienen an den Altären; doch nur die Formen wechselten, der Gott ist geblieben.