Seite:Meyers Universum 13. Band 1848.djvu/35
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
|
|
Englands Kapitol, sey gegrüßt im friedlichen Haine der Masten!
Längst ist geschlossen dein Buch, Blätter voll Grauens und Ruhms.
Wie ein plaudernder Greis erzählst du nun deine Geschichten
Enkeln, vergnügt ihres Glücks, denn sie beherrschen die Welt.
„Sie beherrschen die Welt!“ Stolz klopft bei diesem Spruch jedem Briten das Herz und jeder Nerv in ihm singt das „Rule Britannia.“ Wenn aber eine Sybille die Zukunft bespräche und die besprochene aufschlösse, so würde es nicht am demüthigenden Nachsatz fehlen. Die Zeichen reden. England hat den Gipfel seiner Macht gewiß überstiegen. Es kommen die Tage des Alters, und seine emanzipirte Tochter tritt als präsumtive Haupterbin allmählig in den Vorgrund. Die junge Riesin, welche die Mutter gesäugt hat, ist dieser nicht nur ebenbürtig geworden, sondern auch furchtbar: vor Nordamerika wird England den Dreizack neigen. Ist aber erst einmal die Furcht aufgenommen unter den Faktoren eines Weltreichs, so hat auch dessen Verfall begonnen.
Es hat die Nemesis das Schwert über England, sichtbar für Alle, erhoben. Sie wird es nicht eher in die Scheide stecken, als bis sie das Vergeltungswerk vollendet hat. Das Gericht tagt, und ein langes Tagen wird’s werden, wie noch keins gewesen. Irland, die leibliche Schwester, die Jammergestalt in Lumpen, klagt auf unermeßliche Blutschuld gegen die Königin der Erde. Vergebens erkauft diese Frist auf Frist durch ihre Schätze. Die Schätze gehen dahin, aber die Schuld wird nicht geringer. Zu spät ist alles und umsonst in diesem Streite. Es hilft auch nicht, daß England mit selbstsüchtiger Gier fortfährt, überall an sich zu raffen, was sein langer Arm erreichen kann. Irland hängt ihm an, wie ein todtes, faulendes Glied einem lebenden Körper; es verderbt seine Säfte und macht seine strotzende Kraft zu nichte. England kann nicht mehr gesunden. Die Ursachen seines Verfalls sind nicht mehr zu entfernen, ihre Wirkungen und Rückwirkungen dauern fort, und das letzte Ergebniß kann kein anderes seyn, als Tod und Auflösung.
Daß diese Katastrophe kommen wird, ist sicher: nur die Zeit derselben kann Niemand ermessen. Englands Weltreich ist ein so starker, fester Bau, seine Fundamente sind so tief gelegt und so dauerhaft, sein Gebälk
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 27. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/35&oldid=- (Version vom 25.4.2025)