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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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Tasche streicht, wird das Wohlseyn des Staats immer nur nach dem Kurszettel beurtheilen, und je mehr dem Volke ausgepreßt wird, je mehr die Staatseinnahmen steigen, je wohler fühlen sie sich, und ihre eigene Behaglichkeit ist, nach ihren Begriffen, identisch mit dem Staatsglück. L’état c’est moi – sagt jetzt das Kapital in England eben so wahr, wie der vierzehnte Ludwig einst in Frankreich sagte.
Im „Proletariat“, diesem Dämon der Neuzeit, welcher wie der Geist der Rache und Vergeltung in den alten Staatsgebäuden Europa’s umgeht, ist gleichsam ein nachgebornes Volk im Volke erwachsen. Es findet nirgends ein Kämmerchen für sich übrig, denn jedes Plätzchen im Staate war lange vor seiner Geburt besetzt und verliehen. Es findet auch im Rechtsstaate keine Rechte für sich; denn die alte Verfassung Englands konnte nicht berücksichtigen, was noch nicht geboren war. Das Proletariat ist das Findelkind der Zeit, welches Vater und Mutter in England verleugnen, wie überall. Aber rechtlos, wie es ist, macht es um so entschlossener seine Ansprüche auf Gleichberechtigung geltend und verlangt ungestüm die Zulassung zu dem großen Vertrage der Nation. Das britische Proletariat, in dem Sumpf moralischer Entartung und physischen Elends erwachsen, ohne Bildung, den rohesten thierischen Leidenschaften ergeben, ist eine furchtbare Macht, die in einem entsetzlichen Grade anwächst und zu einem socialen Umsturz noch unaufhaltsamer hindrängt, als das Proletariat in Frankreich und Deutschland; denn in England stehen die Kontraste sich viel schroffer und unversöhnlicher gegenüber. Der hochmüthigste, kolossalste Reichthum stellt sich dort der drückendsten Armuth der Proletariermassen frecher, unbarmherziger und herausfordernder gegenüber, als anderswo, und füllt die Gemüther mit grenzenloser Erbitterung. Die Aristokratie des Grund und Bodens, eben so geängstigt wie der Tyrann Kapital durch den Andrang des Proletariats, und konzentrirt in jener gescheidten ministeriellen Oligarchie, die, eingeweiht in alle Künste der Despotie, nie um Maßregeln zur Erhaltung ihrer Macht verlegen ist, stellt den stürmenden Massen den Wall des Gesetzes, der stehenden Heere, die Bestechungskünste, das Spionierwesen und die sonstigen Mittel der Staatsgewalt entgegen. In dem Maße, als die Forderungen des Proletariats sich steigern, steigert sich die Härte des Widerstands: man opfert – und das ist’s gerade, was am Ende zum Bruch führen und die Katastrophe unvermeidlich machen muß – dem Prinzip der Erhaltung das Prinzip der Verbesserung auf. Dadurch aber ist die organische Fortentwickelung des britischen Staatslebens in’s Stocken gerathen und an seine Stelle trat Verknöcherung. In solcher Lage aber kann ein Staat nicht bleiben, in welchem eine so frische und gewaltige Kraft, wie die des britischen Proletariats, ohne Unterlaß sich rührt und wirkt. Eine Socialrevolution, die Alles umwirft, muß und wird kommen, wie sie in Frankreich und Deutschland kommen wird. Wenn die Spannung zum höchsten Punkt gelangt ist, platzt’s; die Explosion wird die Welt erschüttern und der auseinandergerissene Staat die Erde bedecken mit seinen Trümmern. Schon werden die Stadien, näher dieser Katastrophe, immer kürzer und schon
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 34. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/42&oldid=- (Version vom 26.4.2025)