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DLXXIV. Der Römer in Frankfurt am Main.




„Am aufrichtigsten sind manchmal die Falschen, am offenherzigsten die Versteckten und das ehrlichste Spiel treibt der Ausbund aller List und Unwahrheit: die Diplomatie. Es kömmt nur darauf an, ihren Worten die rechte Deutung unterzulegen.“ So urtheilt Jean Paul, und er hat Recht.

Die Kollektiva der Menschen: Massen, Stände, Korporationen, Gesellschaften; auch die Repräsentanten derselben und die Leute in hoher Stellung, sind ehrlicher und offener, als man ihnen in der Regel einräumen will, und durchweg weniger verschlossen, als der Einzelne, welcher im Gedränge sich auf dem schmalen Räumlein behaupten muß, auf dem er sich, gestoßen und gedrängt, durch das Leben zwängt. Wir haben keinen einzigen Zeitraum in der Geschichte, welcher uns ohne Zeichen und ohne Fingerzeig läßt, um die geheimen Wünsche und die versteckten Bestrebungen kennen zu lernen, denen die Fürsten und Regenten einmal zugethan waren und von denen in Reden und Schriften gleichwohl wenig oder nichts erwähnt wird. Jene Wünsche und Bestrebungen waren zu allen Seiten „öffentliche Geheimnisse“; nur gehören in der Regel zu ihrem Verständniß gute Augen. Mit solchen Augen kann der Leser – ein Beispiel möge für tausend gelten! – die geheime Geschichte der preußischen Regentenwünsche seit Friedrich II. auf dem Gepräge ihrer Thaler lesen. Die stille Korrespondenz, welche seit jener Zeit in diesem Lande zwischen Volk und Regenten mit Augen und Ohren gehalten wurde, haben die Thaler jedes Jahres in silbernen Zügen der Nachwelt aufbewahrt. Da siehst du bald Kanonen, Fahnen, Trompeten, Trommeln die Wappenseite einnehmen, denn Siegesruhm mußte das Volk zufrieden erhalten; bald erzählt dir ein breites, von starken Männern gehaltenes Wappen, daß das Königthum stolz, fest und sicher zu Throne saß; bald tritt ein einfaches, bürgerlich-gutmüthiges Antlitz wie bittend auf, denn die Liebe des Volks hat wieder Werth; bald muß ein Eichenkranz die Männer aufmahnen und in Begeisterung erhalten für das deutsche Königthum und das königliche Deutschthum; bald darauf wird der volksthümliche Eichenkranz entzwei geschnitten und die weggeworfene Hälfte durch einen königlichen Lorbeerzweig ersetzt; und ein Jahrzehnt später sucht dir wieder ein Wappen mit allen Feldern, welche die Dynastie besitzt, zu „imponiren,“ und aus dem Borussorum Rex ist wieder ein König von Preußen geworden u. s. w. Deutungsreiche Bilderbücher sind auch diejenigen, welche dir die Verwandlungen in den Kleidertrachten der Könige zeigen. Der Helm, der Dreispitz, der runde Hut, der Harnisch, die Perücke, der Oberrock, die Pantalons, der Frack, der Waffenrock, die Bürgerwehrmütze: wie viel öffentliche Geheimnisse erzählen sie! Ja, ich meine, selbst das unfruchtbarste alles Schaugehens, der Gang durch eine Bibliothek und das Betrachten der Bücher von Außen, könne fruchtbringend seyn