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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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ein fashionables Ziel der indo-britischen Touristen geworden. Ettajah ist der Glanzpunkt der Fahrt. Denn nirgends sind die Ufer des Stroms schöner, und die Staffage – diese Trümmer von Kastellen auf allen Felsgipfeln, diese Tempel auf den Höhen oder gebettet in den Bergschluchten, – kann nicht prächtiger seyn. Bei dem Tempel, der mitten in den Ruinen der untern Zitadelle eingebaut ist, legen die Dampfschiffe für so lange an, als nöthig ist, um den Reisenden Gelegenheit zu geben, Alles zu besichtigen. Braminen machen die Führer, und der Besucher erfährt von diesen wandernden Historiographen zugleich die Geschichte des Orts.
Europa besitzt weder nach Umfang noch nach Pracht ein Denkmal aus den Zeiten der Feudalherrlichkeit, das würdig wäre, mit dieser doppelten Königsburg von Attajah verglichen zu werden. Sie bestand aus dem obern und untern Schloß. Jenes steht auf dem Scheitel eines hohen Felskolosses, der mit fast senkrechten Wänden sich in die Wolken hebt.
Dieses obere Schloß ist bis auf einen kleinen Tempel, den ein alter Bramine bewohnt, gänzlich verfallen. Es besteht aus mehren Terrassen, die sich über einander erheben und früher durch Treppen mit einander in Verbindung standen, welche nun im Schutt begraben liegen. Die ehemalige Pracht ist jedoch immer noch sichtbar. Ueberall zeigen sich Skulpturen und kostbares Material, große Blöcke des schönsten Marmors liegen umher. – Etwas besser ist das untere Schloß erhalten, und weder Zeichnung noch Beschreibung mögen einen vollkommenen Begriff von der Schönheit der Architektur geben, sowohl im Aeußern als im Innern. Mehre Säle sind von Säulenarkaden getragen und die Fußböden bestehen aus Mosaik von bunten Steinen. Die Verwüstung macht an dem, was noch erhalten ist, reißende Fortschritte; bei jedem Regenguß dringt das Wasser durch die gesprungenen Decken und Gewölbe. Im Bankettsaal hat sich eine arme Hindufamilie eingerichtet, und an den Stufen des Königsthrons, die der Sage nach einst mit Goldplatten getäfelt waren und auf denen die Großen des Reichs in Ehrfurcht sich niederwarfen vor dem unumschränkten Herrscher, kocht jetzt der Pariah seinen Reisbrei. –
Ettajah – dein Staub verweht! ein Paar Jahrhunderte noch und deine Stätte kennt man nicht mehr. Wenn man fragt: was hast du gethan und gewirkt? so spottet dein die Antwort. Du hast getrunken und gegessen, du hast geschmeichelt und gehorcht, und der König, der über dir saß da droben in seinem Felsennest, der hat geschwelgt und gepreßt und geknechtet und gemordet von Geschlecht zu Geschlecht bis ein Stärkerer kam über ihn, und mit ihm that, wie er an Tausenden gethan hatte. Keines Hellers Werth hast du zum hehren Bau der Menschheit gesteuert, kein Sandkörnchen zum Menschenschatz des Wissens gefügt, keine einzige fruchtbringende Idee als Erbe ihr hinterlassen! Pilz du, Despotengewächs, du schossest auf aus Fäulniß und bist in Fäulniß vergangen! Hätte der Menschengeist einen Hals gehabt, deine Despoten hatten ihn abgeschlagen, so gewiß, wie auch unsere Tyrannen ihn abschlagen würden, wenn sie ihn am Schopf fassen könnten. Ja, bevor ihr zugebt, daß der
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 57. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/65&oldid=- (Version vom 27.4.2025)