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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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Natur! du warst die Freudenspenderin meiner Jugend und schmücktest meine Erinnerungen mit deinen Kränzen. Schon als Knabe war ich nirgends froher, als in deinen Armen. Ich suchte dich auf im Schatten des Tannenwalds, am murmelnden Bach, in der dunkeln Felsschlucht, in Feld und Au; der erste Sonnenstrahl grüßte mich auf dem Berge, und im Abendthau bestieg ich die Höhe, um den ersten Blick des aufgehenden Vollmonds zu genießen. Die Natur war mein Katechismus, und am Sternenhimmel las ich die Gebote Gottes.
Und als ich herangewachsen war zum Jüngling, da warst wiederum du es, die mich das Ränzchen schnüren und wandern hieß, um deine Herrlichkeit auch in der Ferne zu sehen. Du zeigtest mir die Ufer des Rheins, die Thäler des Harzes, die Triften Holsteins und die Ebenen Niederlands mit ihren Heerden und einem Volke, ausgeprägt unter dem Stempel der Freiheit.
Als Mann führtest du mich in fremde Länder und auf die Wogen des Oceans. Wie groß und hehr bist du mir da erschienen! Im Spiegel des Weltmeers sah ich die Unermeßlichkeit Gottes, im Rauschen der Wogen vernahm ich Psalmen, in den Stürmen ahnete ich die Zukunft meines eigenen Geschicks. Wenn ich in mondheller Nacht auf dem Verdeck stand, dann umschwebten mich die Gedanken an Ewigkeit, Unsterblichkeit und Menschenbestimmung, keimten die Pläne und Vorsätze für künftige Tage und für große und hochgesteckte Ziele. Damals sah ich in Allem Harmonie, und Harmonie war in allen Dingen meines eigenen Wesens. Jede Naturschönheit riß mich zur Bewunderung hin für den Schöpfer und in die Saiten einer reichen Seele und eines weichen Gemüths schlagend, entlockte sie ihnen helle Tone. Noch war nichts verstimmt unter dem Hammer des Unglücks; nichts verbittert von tausendfacher Täuschung; nichts zertrümmert durch den Sturz von mühsam erklimmten Höhen; nichts in Unordnung gebracht durch dämonischer Gewalten grausames Spiel. Aus jeder neugeöffneten Pforte der Naturherrlichkeit rief mir die Stimme Gottes entgegen als religiöse Offenbarung, als ewige Weisheit. Mein Herz nahm ihre Lehren mit Andacht auf und mein Verstand stellte aus ihnen die Schatzkammer des Lebens zusammen. Glückliche Zeit! Wie auf Adlerflügeln erhob sich mein Geist in deinen Armen, gütige Natur, und zündete die Fackel an am Feuer des Himmels.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 62. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/70&oldid=- (Version vom 27.4.2025)