Seite:Meyers Universum 13. Band 1848.djvu/73

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

die Staffage bilden. Gewöhnlich wählen die Touristen von Neapel aus den Wasserweg nach Sorrento, und die täglich abfahrenden Barken bieten dazu immer Gelegenheit. Wer aber die kleine Fußreise von Kastellamare aus nicht scheut, wird sich tausendfach belohnt finden und sehen und bewundern, was unter Denen, welche jährlich Italien bereisen, den Meisten verborgen bleibt. Es scheint ein Paradoxon; aber es ist darum nicht weniger wahr: Italien, das am meisten bereiste Land der Erde, ist großentheils noch eine Terra incognita. Fast keine Beschreibung geht weiter, als zur Schilderung Dessen, was an den Heerstraßen liegt; eine Miglie darüber hinaus beginnt eine neue Welt. Unter Tausenden hat nicht Einer den Muth, sie zu erforschen. Fahrbare Straßen verbinden in Italien freilich nur die größeren Städte; die übrigen sind schlecht, die meisten sind bloße Saumpfade oder Fußwege, die Wirthshäuser abscheulich, und die Schreckensgeschichten von Räubern und Banditen werden zu Drachenhütern der verborgenen Schönheiten des Gebirgslandes. So kömmt es, daß die große Mehrzahl der Reisenden sich damit begnügt, die einladenden Formen der Bergketten, welche unter öfters wechselnden Namen die Heerstraßen, Wächtern gleich, umstellen, aus der Ferne zu bewundern, oder daß sie ihre Ausflüge auf wenige nahe gelegene Orte beschränken, zu denen gebahnte Wege führen und deren guter Ruf den Gedanken an persönliche Gefährde nicht aufkommen läßt.

Mit Hülfe der Eisenbahn von Neapel nach Kastellamare kann man die Tour nach Sorrento recht bequem in einem Tage machen. Von Kastellamare geht man zu Fuß, um sich des Schönen ganz zu erfreuen. Die Landschaft ist wirklich eine Reihe von Paradiesen, durch Schluchten und Felsmauern von einander geschieden. Die Haine der Orangen, Zitronen und Granaten beugen sich unter der Last ihrer Früchte, der Duft ihrer Blüthen erfüllt die Luft, und die Felsen sind mit dem üppigsten Grün bekleidet und geschmückt mit bunten Blumen. Bald starren sie empor als Pyramiden, bald als schlanke Obelisken; bald bilden sie Grotten, oder weite Zelte, ausgeschlagen mit farbigem Moos wie mit grünem oder violettem Sammet und goldenen Frangen. Auf jedem Vorsprung entzückt die Aussicht auf das Meer, auf den Golf von Neapel mit dem rauchenden oder flammenspeienden Vesuv, auf die lebenden und todten, die blühenden und begrabenen Städte an seinem Fuße. Zuweilen sind die Felsmassen hinabgerollt in’s Meer und bilden kleine Inselchen, um welche her Barken mit dem Fange von Springkrebsen und Schaalthieren beschäftigt sind, die sich in jener Spalten flüchteten.

Sorrento selbst prangt mit seinem Kastell gar schon auf hohen, von tiefen Schluchten zerrissenen Felsen. Das Städtchen ist ein Labyrinth von engen, unregelmäßigen Straßen, deren Häuser sich oft durch Arkaden, welche von einer Seite zur andern reichen, einander stützen. Die größern Räume in denselben sind zum bessern Schutz gegen die häufigen Erderschütterungen gewölbt und die Kirchen und andere Hauptgebäude durch dicke Strebepfeiler gestützt, die nichts desto weniger durch die Menge Spalten und Ritzen erkennen