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werthet und schätzt nach Dem, was sie vollbracht haben, vergießt keine Thräne auf den Trümmern von Korinth, auf der Ebene Sparta’s, auf den Schutthaufen der Akropolis Athens. Erhoben fühlt er seine Seele vor den Gestalten großer Menschen, deren Geist einst dort die Massen belebte, die den Schimmer ihres ewigen Lebensgrüns auch auf die Millionen warfen, aus denen sie hervorragten. Du neigst dich mit Ehrfurcht vor dieser untergegangenen Welt, aus welcher jedes Antlitz, jedes Gebäude, jedes Kunstwerk dir die Kunde gibt, daß hier der Geist der Freiheit geherrscht und mit ihm die Genien des Schönen und Edlen im Leben des Volks gewaltet, und mit Stolz erfüllt dich das Bewußtseyn, als Mensch verbunden zu seyn mit dem Geiste, der jene Männer geleitet, und fähig, nach der Höhe zu streben, auf welcher sie gestanden. Vergänglich und wandelbar ist Alles, was Leben hat; beklagenswerth ist nur, was untergeht, ohne gelebt zu haben auch für die kommenden Geschlechter.

Ohne gelebt zu haben! Es ist ein fürchterliches Wort. Und dennoch – blickt um euch: wie manche Herrlichkeit der Gegenwart blendet heute euer Auge, die, wenn sie morgen in Trümmern ginge, der Menschheit so wenig hinterließe, daß auch über ihr der Geist der Geschichte schweigend stehen, oder mit mahnendem Finger auf sie hinzeigen würde. Oder glaubt ihr, ich behaupte zu viel, wenn ich sage, mein Auge ruht stolzer und frober auf dem Bilde vor mir, auf den Ruinen von Milet, als auf dem kaiserlichen Petersburg mit all seiner goldenen Pracht?

Fort mit dem Gedanken an das finstere, tückisch um sich schielende Knutenthum, fort mit der Hauptstadt der Hundedemuth und der Katzentreue! Vor uns hebt sich die ewige Klarheit und Heiterkeit des griechischen Lebens aus dem trümmerreichen Boden empor: das herrliche Milet, Kleinasiens Athen, die Stadt der Rührigkeit, der Tapferkeit, des Reichthums und der Lust.

Unweit des vielbesungenen Mäander, in einer der anmuthigsten Landschaften Ioniens, den Inseln Samos und Pathmos gegenüber, an der Küste des ägeischen Meeres und an der Grenze von Karien, streckte das gefeierte Milet zwischen reizenden Höhenzügen seine prächtigen Glieder aus. Von allen Städten der kleinasiatischen Westküste konnten nur Ephesus und Smyrna sich mit dieser mächtigen Schwester messen, die als erste Stadt Ioniens, so wie als Handelsstadt und Hauptwaffenplatz der ionischen Griechen auch in staatlicher Beziehung von hoher Bedeutung war. Alle Künste des Friedens wie des Kriegs hatten hier ihren Wohnsitz. Der Ruhm und die Macht der Milesier waren sprichwörtlich; ihre Schiffe durchfurchten alle damals bekannten Seewege und ihre Streitmacht gebot selbst den siegreichen Waffen der lydischen Könige Halt an der Grenze des milesischen Gebiets. Vor Allem bewährte sich aber ihre unermüdliche Schafflust und ihr glücklicher Unternehmungsgeist in der Gründung von Kolonien. Die Zahl der Töchter dieser fruchtbarsten aller Mütter gibt Seneca zu 380 an; mildern auch andere Angaben diese Zahl, so wird doch als sicher berichtet, daß sehr viele bekannte Städte der griechischen