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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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Welt milesischen Ursprungs seyen. Wohin Milet seine Schiffe und seine Männer sandte, dahin folgte auch der Kunst- und Gewerbfleiß nach. Das „prächtige“ Milet, sagte die alte Welt. Herrlich vor allem Andern waren seine Theater und Tempel. Berühmt war seine Akademie; denn die gelehrte Bildung stand zu Milet in Blüthe und Ansehen und mehre der gefeiertsen Männer des Alterthums nennen es ihre Vaterstadt; so Thales, einer der sieben Weisen Griechenlands, der Erste, der die Naturwissenschaften in den Kreis seiner philosophischen Forschungen zog; sein Schüler Anaximander, der Erfinder der Landkarten, des Erdglobus und der Sonnenuhren, so wie dessen Nachfolger Anaximenes, der Geschichtsschreiber Hekatäus und Andere. Auf so üppigem Boden konnte neben dem Nützlichen, Schönen und Edlen auch das Unkraut nicht fehlen. Reichthum macht Uebermuth, sagt unser altes Sprichwort, und Uebermuth führt zu Schwelgerei. Milet war in dieser Beziehung das Paris der alten Welt.
Verfall der Sitten geht mit dem der Freiheit immer Hand in Hand. – Die Selbstständigkeit des Freistaats ging zuerst gegen Cyrus verloren. Doch genossen die Milesier unter persischer Hoheit noch ziemlicher Unabhängigkeit. Wo ihr Schwert nicht siegen konnte, milderte ihr Gold die Niederlage. Als sie sich aber während der Perserkriege den ionischen Griechen, welche die Fahne der Erhebung gegen Persien aufgesteckt hatten, anschlossen, verfiel die Stadt dem Geschick alles Schönen und Großen auf der Erde: sie wurde in den Staub getreten. Die Zerstörung Milets im J. 494 v. Chr. war so vollständig und schnitt so tief in die Lebensadern der Bevölkerung, daß es sich nie wieder zu dem alten Glanz emporarbeiten konnte. Kämpfe mit Samos und der peloponnesische Krieg zehrten von der kaum wieder gesammelten Kraft. Die Schlacht bei Milet, 411, zwischen den Athenern und den von einer peloponnesischen Flotte unterstützten Milesiern, ging zwar noch mild an der Stadt vorüber; dagegen bestrafte Artaxerxes den Beistand, weichen sie dem jüngeren Cyrus geleistet hatte, auf die härteste Art: alle Einwohner wurden zu Sklaven gemacht. Erst Alexanders Sieg löste diese Fesseln. So tief war aber durch die erduldete Knechtschaft Muth und Kraft der Milesier bereits gesunken, daß sie nach den Tagen des Sturms sich nicht wieder ermannen konnten. Auch das Christenthum, das in Milet schon zur Apostelzeit Wurzel schlug, konnte für die Erhebung der gesunkenen Stadt nichts wirken. Es zog vielmehr eine Menge jener Lebenskräfte, die den materiellen Interessen gewidmet waren, hinüber zu den Bestrebungen, welche den Verkehr mit einer höheren Welt sich zum Ziel setzen und in der Erweiterung des Reiches Gottes ihre Genugthuung suchen, nicht in der Vermehrung von vergänglichem Gute und irdischer Macht. Vor dem lichtumflossenen Himmelsgeiste der christlichen Offenbarung beugte sich der Erdengeist. Milet wurde eine jener ältesten Priesterschulen, deren Zöglinge das empfangene Licht hinaustrugen in alle Welt. Das Kirchliche ragte über das Staatliche und Zeitliche, und bei diesem Verhältniß sank Milet allmählig zu einer wenig bedeutenden Handelsstadt herab und hauchte zuletzt unter den blutigen Händen ostasiatischer Räuberhorden sein Leben aus. – Die Mutter
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 75. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/83&oldid=- (Version vom 27.4.2025)