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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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rauscht. Es ist dies die Laucha, und durch ihren Grund windet sich der schönste Pfad zu dem Könige des Waldes, dem Inselsberg, hinan. Außer dem Mühlchen ist nirgends eine menschliche Wohnung; aber ganz furchtlos beschreitet der Wanderer die herrliche Einöde, denn nie hört man in jener, von einem biedern Menschenschlage bewohnten Gegend von Raub oder Mord.
Das ganze Thal ist eine Idylle der schaffenden Natur. Gigantische, gelbliche, mit falbem Moos bekleidete Porphyrblöcke, seltsam und abenteuerlich gestaltet, gucken überall aus dem Grün des Waldes, oder ragen über die finstern Tannen und riesigen Buchen. Kein Mensch kann sich des mächtigen Eindrucks dieser Scenerie erwehren. Ein Stück Urwelt liegt vor ihm und über ihm, stolz und majestätisch, in kecker Starrheit aus der Nacht zum Licht strebend; er selbst aber voll hehrer Empfindung schreitet demüthig den Pfad, der sich um die alten Steinbilder wendet, die ihm erzählen zu wollen scheinen von vergangenen Zeiten. Plötzlich, bei einer Wendung des Wegs, steht er verwundert und staunend: – denn ein ungeheures Thor ist vor ihm aufgethan, in dessen Hintergrunde seltsame Felsgestalten aus dem Tannengebüsch schauen. Das ist der Thorstein, die von der Natur durch eine Felsenwand gesprengte Riesenpforte des herrlichsten Naturtempels, in welchem die Urväter der Thüringer den Geist verehrten, der alle Welten schuf. Und wie der Wanderer unter dem Bogen steht, und wie die Sonne den stillen Grund beschaut und der duftige Rahmen des blauen Himmels das Bild umspannt, wird ihm das Felsenthor, durch welches er schaut, zu einem wahren Auge Gottes. Den Grund hinan dringt sein Blick in die ferne Bergwelt; gegenüber aber steigt der Felskoloß des Aschenbergs auf, und von seiner Spitze blickt frei und froh das Christenkreuz herab auf die verlassene Stätte des Heidengottes. Grüne Bergwände senken sich in den mannichfaltigsten Formen zum Thalgrund hinab, und der Blick erheitert sich in dieser erhabenen Ruhe, die vielleicht nur ein Reh unterbricht, das über die Felszacken springt, oder ein Paar Waldtauben, die einsam gurren.
Das Lauchathal veranschaulicht recht eigentlich den Charakter der thüringischen Waldgründe; ja es ist unstreitig eines der schönsten Stückchen Erde für eine schwärmerische Seele und ein weiches Gemüth. Nicht weit vom Thorstein zeigt die Sage Gräber von Priestern und Barden. Ungestört schlummern sie unter den Felsen. Nur der Wind rauscht melodisch durch die hohen Tannen, oder wühlt in den Blättern der Buchen und spielt mit den rothen Fruchtbüscheln der Vogelkirsche auf dem Gestein, oder braust hinab zum Waldstrom in die Tiefe, das das saufende Wild aufscheucht, oder erschreckt die Raben aufflattern von der hohen Fichte und krächzend die Berge suchen. Die Stille des Thals ist sprichwörtlich; doch im Sommer trifft man nicht selten auf den einsamsten Plätzchen fröhliche Gesellschaftsgruppen, und namentlich ist der Thorstein der herkömmliche Rast- und Ruheplatz für Alle, welche den Inselberg besuchen.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 79. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/87&oldid=- (Version vom 28.4.2025)