Seite:Meyers Universum 14. Band 1850.djvu/100

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Achtung zu erweisen. So entspringt aus der Selbstachtung die Achtung Anderer, aus der Selbstschätzung der Völker die Brüderlichkeit der Nationen.

Alle Menschenwürde bezieht sich auf Gott und sein ewiges Sittengesetz. Wer dieses verletzt, verletzt jene; wer dieses nicht achtet, achtet jene nicht. Der Unsittliche hat auch keinen Glauben an sich selbst. Eine Nation aber hat Alles verloren, wenn sie den Glauben an sich selbst verliert; denn wer sich selbst Nichts zutraut, der vermag auch Nichts, dem gebricht’s an Lust und Kraft, das zu thun, was er thun sollte. Der Grund eines solchen Mißtrauens in sich selber ist fast allezeit Mangel an Tugend. Ein entsittlichtes Volk ist allemal feig, oder gleichgültig gegen seine Würde und Ehre, und eben darum sehen wir jetzt der Nationen so viele in Selbstverachtung und Ehrlosigkeit versinken. Sie sind schlecht geworden, und weil sie schlecht sind, so haben sie keinen Glauben mehr an sich selbst und überliefern sich, trotz ihrer Verstandesbildung und ihrer Einsicht, dem Joch der Gewalt, der geistlichen, wie der politischen. Wenn wir die Völker Europa’s überschauen: von wie vielen dürfen wir gegenwärtig sagen: sie haben Glauben an sich selbst? Sehen wir nach Portugal, nach Spanien, nach Italien: – überall Krönungstage des Despotismus; überall Sterbetage der Freiheit; überall Blutdurst oben und Fleischhunger unten; überall Schlächter und Schlachtstätten, an denen die Ströme des Völkerelends fließen, deren Wogen aus Thränen und Blut gemengt sind; überall Völker, die im Joch gehen, und Treiber, die es mit der Peitsche führen zur Arbeit, deren Früchte nicht sie, sondern die Herren genießen; überall die Söhne des Volks willig, die Väter zu knebeln und jeden Widerstand gegen die Gewaltherren in dem Blute ihrer Brüder zu ersticken! – Und in Deutschland? Woher diese, die Menschenwürde entehrende, schlaffe Gleichgültigkeit der Massen gegen die großen Interessen der Humanität und Freiheit? woher dieses feige Verzichtthun auf Alles, was noch vor ein paar Jahren alle Herzen erwärmte und selbst den Geringsten im Volke zu adeln schien? Woher diese Entmuthigung, welche den volksfeindlichen Kräften das Feld räumt vor der Schlacht, und sich nicht einmal mehr getraut, das Rechtsbewußtseyn zu äußern, oder ein gutes Recht anzurufen? Woher diese lose Nachgiebigkeit, dieser widerstandlose Rückzug von einer Position zur andern, dieses Preisgeben der kostbarsten Volksrechte gerade von Denen, die berufen sind, sie zu wahren und zu schirmen? Bei Vielen unstreitig daher, weil Anfangs ihr Glaube an ihre eigene Fähigkeit zu groß war, weil sie von ihrem Wissen, von ihrer Stärke, von ihrer Thätigkeit, von ihrem Muthe, von ihrer Ausdauer selbst eine zu große Vorstellung hatten, und sie dagegen ihre Schwächen unterschätzten; weil sie das Große, was sie unternahmen und zu Dem sie berufen waren, gar nicht ermessen hatten, und weil sie sich von den vielen unvermutheten, nicht vorher in Ueberlegung genommenen Schwierigkeiten überrascht und übermannt sahen. Der Enttäuschung folgten Beschämung und Reue zu spät. Andere freilich sind über das Schamgefühl längst hinaus! Sie tragen ihren Kleinmuth so offen zur Schau, wie früher ihren knabenhaften Trotz; ihre Furcht, wie sonst ihre Verwegenheit;