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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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verargen wäre, wenn es über die Regel die Ausnahmen vergäße, und künftig bei der Wahl seiner Führer die höhern Stände gänzlich perhorreszirte. Dieses, durch die Erfahrung gerechtfertigte und hervorgerufene unauslöschliche Mißtrauen aber, welches Tiefes und Höheres in den Volksschichten mehr und mehr trennt und scheidet, betrachte ich als das unheilvollste Ergebniß dieser furchtbaren Zeit. Es bedarf, wenn der West-Sturm über die deutsche Erde braust, vielleicht nur weniger Tage, um die Funken des Feuers, welches unter den Fußtritten der blinden Gewalt erlöschen sollte, zur Flamme anzufachen, welche den tausendjährigen morschen Bau in Asche legt; aber nur ein der Freiheit würdiges, von den Ideen des Bürgerstaats durchdrungenes, sittlich-kräftiges Volk kehrt, losgebunden, nach dem Siege zum Gesetze und zur Ordnung zurück. –
So hatte ich gestern geschrieben und heute las ich es wieder.
„Ein strenges Urtheil und doch nur halb wahr!“ rief eine Stimme. Ich schaute auf. Es war die Freiheit. Da stand sie, die Herrliche, eine Braut des Himmels. Ihr Lichtgewand war wie Morgenroth, ihr heiteres Antlitz wie die junge Sonne, ihr Haupt schmückte ein Kranz von Sternen. In der Rechten hielt sie das blanke Schwert, in der Linken den grünenden Oelzweig. Zerhauene Fesseln lagen zu ihren Füßen; Kronen, aus denen die Dolchspitzen gebrochen waren, und Scepter in Stücken bestreuten ihren Pfad, und aus den zerschlagenen Wappenschildern war alles Gethier gekrochen, die Löwen und Basilisken, Panther und Schlangen, Wolf und Leopard, die Eulen, die Adler und die Geier von allen Farben: und sie stierten die Gestalt an mit den leeren Augenhöhlen, stumm und zitternd, und ein Abgrund öffnete sich, und die Erde bröckelte hinab, und es versank ein Thier nach dem andern. Neben der Gestalt aber stand ein Altar und auf demselben lag das aufgeschlagene Buch der Weltgeschichte und auf dasselbe hindeutend, sprach sie:
Beschämt und betroffen schlug ich die Augen nieder. Als ich wieder aufsah, war Alles verschwunden. Aber vor dem Himmel hing ein schwarzer Wolkenvorhang, wie ein Isisschleier, und die Raben zogen kreischend dem Walde zu, und die Sturmvögel flatterten lustig und die Kronen waren wieder ganz, und die Dolchspitzen steckten wieder auf dem goldenen Reifen und die blinden Wappenthiere saßen wieder auf den Schilden und eine lange Prozession von Königen und Oberpriestern zog paarweise dahin, wo die Sturmvögel herkamen, und vor dem Zuge gingen tausend Scharfrichter, und hinter dem Zuge fuhren tausend Kanonen, und in dem Zuge wehten tausend Fahnen, alle schwarz, und über jeder Fahne steckte ein Pechkranz; aber das Kreuz sah ich nirgends. Und ich rieb mir die Augen ganz erschrocken und ich war froh, daß ich geträumt. – Den Spruch aber: „Nur die Freien werden der Freiheit würdig!“ habe ich mir auf die Thür meiner Herzkammer geschrieben, und Jeder sollte das, und Keiner sollte im Glauben an’s Volk ganz verzagen. – Soll der Sklav Sklav bleiben, weil er
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 97. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/103&oldid=- (Version vom 30.6.2025)