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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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Sklav ist? Sollen unterdrückte und für die Unterdrückung erzogene Völker ihre Erziehung zur Freiheit von ihren Herren erwarten und ist eine solche Erwartung vernünftig? Sollen sie den Anspruch auf Freiheit darum verwirkt haben, weil sie im Knechtdienst aufgewachsen sind, und wird Der, welcher gewaltsam gehindert ist an dem Gebrauch seiner Rechte, ihrer dadurch verlustig? Wenn Dem so wäre, dann wäre die ganze Menschheit eine ewig rechtlose Sclavenheerde unter dem Stock Weniger, und die Erlöser und Befreier – sie wären alle im Irrenhause gestorben.
Betrachte das Bild! Wo dieser Palast steht, über dem der Freiheit Banner stolz, segnend und schützend weht, da hat noch vor kaum hundert Jahren ein schmutziges Gefängniß gestanden für – entlaufene Sklaven! Derselbe Geist, welcher Phönizien, Karthago, Hellas und Rom groß, mächtig, blühend machte, und ihre Völker herrlich über alle anderen ihrer Zeiten stellte, jener Geist, der später Venedig, Genua, der Schweiz, den Niederlanden, trotz ihrer Kleinheit, Kraft und Muth gab, viele Jahrhunderte lang ihre blühenden Gemeinwesen gegen die größten Staaten der Erde zu behaupten; derselbe Wunderthäter führt den Bürgerstaat in Nordamerika im Fluge hinan auf die höchste Stufe der Macht und des Reichthums und rüstet ihn aus zum künftigen Weltgebieter. Die Bürgerfreiheit vollbringt dort Dinge, so ungeheuer und gewaltig, daß unsere Vorstellungen zu enge sind, sie zu fassen. Kaum sind es 80 Jahre, daß die Bevölkerung New-Yorks aufstand und die Ketten brach, und heute sind es 72 Jahre, daß das Sternenbanner zum ersten Male über die Stadt flatterte, welche damals kaum 12,000 Einwohner zählte. Mancher lebt noch, der sich dessen erinnert, Mancher auch, der noch den Hirsch und den Fuchs gejagt hat im Urwald, wo jetzt die meilenlangen Straßen der Weltstadt sich hinstrecken. Ich selbst, der ich vor kaum 15 Jahren (im II. Bande des Universums) New-York schilderte, hatte damals von einer Stadt von 270,000 Einwohnern zu reden. Jetzt ist sie mit ihren Tochterstädten Brooklyn, Williamsburg und Jersey-City Paris an Größe gleich, die Bevölkerung erreicht 700,000, und ehe noch ein Menschenalter vergangen ist, wird sie London überflügeln, wird sie die erste Stadt der Welt seyn. Dieß Wunder thut die Freiheit, und Wunder dieser Art füllen die ganze Union.
„Ich kenne alle unsere größeren deutschen Städte,“ – berichtet Fröbel aus seiner Freistatt, zu welcher hin der längste Tyrannenarm nicht reicht, – „ich kenne Paris und habe erst kürzlich London und Liverpool gesehen: aber alle Eindrücke menschlicher Thätigkeit in der alten Welt werden durch das, was hier vorgeht, weit übertroffen. Vor Allem ist es die Kühnheit des praktischen Lebens, welche hier frappirt; ein Geist, welchem nichts unmöglich erscheint. Es ist der Mangel an Tradition der Freiheit und an Voraussetzungen, in der die Kraft und Unbefangenheit dieses Geistes beruht. Und nicht nur in der Sphäre des Praktisch-Materiellen zeigen sich seine Wirkungen; auch in der Sphäre der Wissenschaft und Kunst entwickeln sich Keime, welche, trotz ihrer gegenwärtigen Unvollkommenheit, die Garantien künftiger Größe nicht entbehren. Bisher
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 98. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/104&oldid=- (Version vom 1.7.2025)