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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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Im Schooße des Kantons Sankt Gallen, auf zwei Seiten von hohen Gebirgen eingeschlossen, liegt ein kleines, naturschönes Land, übersäet mit kleinen Städten, Dörfern und Hütten, und in demselben lebt ein Völkchen und blühen ein paar Gemeinwesen gar eigenthümlicher und merkwürdiger Art. Appenzell, der kleinste der Schweizer Kantone, ist nur den siebenten Theil so groß, als das Herzogthum Meiningen; es mißt kaum 7 Geviertmeilen, und vieles Land ist überdieß unfruchtbarer Felsgrund; denn an seinen östlichen Grenzen, wo der Clamor und Säntis die weißen Häupter in die Wolken strecken, steigen die Gipfel 8000 Fuß hoch auf und lassen nur Alpwirthschaft, keinen Ackerbau, zu. – Dennoch ist dieß Ländchen das dichtbevölkertste in Europa; es hat über 53,000 Bewohner, so daß fast 8000 auf die Geviertmeile kommen, und auf jede Familie kaum vier Morgen pflugbaren Boden. Fleiß und Genügsamkeit schaffen dennoch ein behagliches Daseyn für Alle, und im Vollgenuß der Bürgerfreiheit sind die Menschen so glücklich und zufrieden, daß auch der Aermste sein kleines Vaterland mit Begeisterung liebt und Keiner an Auswanderung denkt. Was aber das Auffallendste ist: in diesem so engen Raume leben zwei Republiken, vollkommene Demokratien, in Eintracht neben einander, obschon sie in Religion, Sitte, Gesetzen, Lebensart, Volksbildung und Abstammung verschieden sind. Appenzell-Innerrhoden ist katholisch; es hat das höhere Gebirgsland inne und treibt vorzugsweise Sennwirthschaft. Außerrhoden hingegen folgt Zwingli’s Glaubensbekenntniß. In Außerrhoden leben auf nicht ganz 4 Quadratmeilen an 36,000 Menschen, die Fleiß, Aufklärung und allgemeine Volksbildung unter den Segnungen der Selbstregierung, welche fast nichts kostet, wohlhabend gemacht hat und die eine Fülle von Glück und Zufriedenheit genießen, wie sie nur in den kleinsten Freistaaten der amerikanischen Union, in Rhodeisland u. Connektikut, ganz so wieder zu finden ist. Die Verschiedenheit der Verhältnisse der beiden Republiken, deren Grenzen öfters wunderlich in einander greifen, hindert nicht das beste Einvernehmen zwischen ihnen, und seit ein paar Jahrhunderten ist der Friede zwischen diesen souveränen Gemeinwesen nicht ein einziges Mal durch Waffengewalt gestört worden. Woher diese Erscheinung? Beide Bevölkerungen haben die tiefste Achtung vor dem Recht und der Unabhängigkeit des Andern, und sind der Welt ein Beispiel, was Freiheit und Selbstregierung da vermögen,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 103. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/109&oldid=- (Version vom 1.7.2025)