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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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Im grauen Kalkstein – so erzählt der treffliche Zschokke, den ich bei der nachfolgenden Beschreibung des Stahlstichs zum Führer nehme – im grauen Kalkstein einer Felswand der innerrhodischen Ebenalp, 4620 Fuß über dem Meere, wölbt sich eine geräumige Höhle. Da richtete schon in uralter Zeit die Frömmigkeit einen Altar auf, dem heiligen Michael geweiht; vor etwa hundert Jahren aber bauete an dessen Stelle ein wohlhabender, gottesfürchtiger Mann aus Appenzell, Namens Paul Ulmann, die Kapelle und stiftete ein Kapital zu ihrer Erhaltung. Fünfmal des Tags ertönt des „Wildkirchleins“ Glocke durch die Stille der Berge und Alpen und ruft die Senner zum Gebete. Das Läuten besorgt ein alter Kapuziner, dessen Klause an dem Felsen klebt. Ihr Inneres – ein Stübchen mit einem Altar, und daneben ein Kämmerchen mit der Schlafstelle – ist ebenfalls eine natürliche Grotte. – Im Hintergrunde derselben öffnet eine Spalte das Gestein, breit genug, um einen Menschen durchzulassen, und der Einsiedler ist immer bereit, Reisenden, die zu ihm kommen, die Geheimnisse seiner Unterwelt zu zeigen. Er zündet dann Grubenlichter an, läßt die Neugierigen in die bereitgehaltenen Fahrkleider schlüpfen, und mit dem Knotenstock in der einen, der Leuchte in der andern Hand, tritt er in den Felsspalt und ladet ein, zu folgen. Bald thut sich ein weiter Saal aus einander. Er ist wohl 60 Schritte breit und 80 Fuß hoch. Wasser träufelt herab, wunderliche Tropfsteingebilde hängen an der Decke, alle Wände sind damit überzogen. Im Fond der Höhle klafft ein enger Gang. Vorsichtig geht’s in demselben fort über Steintrümmer und Felsstücke, erst ziemlich eben, wohl hundert Schritte lang, dann aufwärts, dann steil und immer steiler; zuletzt sind Stufen gehauen –: endlich bleibt der Klausner stehen vor einer Thür; er schiebt mit seinem Schlüssel den Riegel zurück, die Angeln knarren – jetzt welche Ueberraschung! Sonnenlicht, blauer Himmel, Gebirg, glänzendes Wiesengrün – eine weite, herrliche Alpenlandschaft! Es ist keine Täuschung. Unter dem Felspförtchen breitet eine Alpe ihre bunte Matte aus, du siehst die Rinder grasen, hörst die Töne ihrer Halsglocken und das Jodeln des Hirtenknaben, der sie hütet. –
„Ich stand einmal – schreibt der Aarauer Weltweise – in der Stille eines Sommermorgens da droben vor dem offenen Pförtchen. Vor mir lag’s wie ein aufgeschlossenes Weltall. Mein Blick schweifte lang und irre durch die helle Weite in die blau verdämmernden Fernen. Er fand keinen Haltpunkt zum Ausruhen. Die zahllosen Hütten, wie Maulwurfshäuslein lagen sie an den Hügeln Appenzells, – verschwinden. Der Osten der Schweiz, der Bodensee, das weite Schwaben, sind zur Landkarte geworden, zum Mosaikbilde, worauf sich das Gewölbe des Himmels lehnt. Die Seele bebt vor der Unendlichkeit, der Blick flieht scheu zurück, er sucht das Nahe, er klammert sich an die benachbarten Alpenfirsten an; er senkt sich auf den Alpsee, der aus dem nahen Hochthale herauf glänzt; er sucht die schwarze Waldschlucht, er taucht hinab in den Wellenschaum des Schwändibachs. Die Milbe Mensch – sie bleibt in dieser Höhe unsichtbar. Die weiten Landstriche drunten
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 106. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/112&oldid=- (Version vom 1.7.2025)