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„Der Säugling Menschheit erstarkt. Er klimmt als Knabe zur andern Stufe der Gesittung hinauf. In Sagen und Sängen leben die Erfahrungen und Schicksale vergangener Geschlechter fort. Die Familie hat zum Verein von Familien, zur Stammverbindung, hingeleitet. Die Alten lehren; der Starke gebietet; der Schwache gehorcht; das Weib ist Magd, der Besiegte Sklav. Unerschrockenheit in Gefahr, Ausdauer in Noth, Verachtung des Schmerzes, des Todes gelten als die höchsten Tugenden. So waren die Griechen der Urzeit, die Germanen des Tacitus, die Gälen Ossians. Nur vor Einem erbebt der Trotz und die Kraft: vor Dem, den die Faust nicht zwingen, der Pfeil nicht erreichen kann. Es ist die unsichtbare Gewalt im Blitz, der den Fels spaltet, im Donner, der die Berge erbeben macht, im Sturm, der den Wald bricht; die Macht, welche Sonne und Mond ruft und verfinstert. Der Mensch ahnet einen großen Weltgeist, der über Alles herrscht, er ahnet – Gott.

„Und wieder vergehen Jahrhunderte, und wieder eine Staffel ist erstiegen. Der Knabe Menschheit reift zum Jüngling. Die Keime von Staat, Kunst, Religion gewinnen festere Formen. Die Einbildungskraft ist der Genius der Jugend; sie herrscht; nicht Vernunft, nicht Verstand. Zu Außerordentlichem, Riesenhaftem, Uebermenschlichem drängt’s die jungen Völker – nur das wird bewundert. Die stärksten Leidenschaften fahren und paaren sich wild durch einander: Rohheit mit Zartgefühl, Grausamkeit mit Edelmuth, Freiheitsstolz mit Knechtsgeist, Ueppigkeit mit Weltentsagung. Der Staat hat in dieser Periode nur Leibeigene und Bevorrechtete, Erbadel und Priesterthum; despotische Göttersöhne, oder die Gottheit selber auf dem Thron, von Altardienern umgeben. Im Wesen der Majestät sieht er Uebernatürliches und die Religion wird auf Seite des Volks Schwärmerei und blinder, Berge versetzender Glaube, – auf der Seite der Priester aber ein Puppenspiel des Betrugs und der Arglist. – So sehen wir das Alterthum, nachdem es getreten ist aus den Nebeln der Sagen, in Aegypten, in Indien, am Euphrat, in Griechenland.

„Die nächste Staffel führt in die jüngern Zeiten, da der Verstand die Herrschaft der Einbildungskraft bestreitet. Auf dieser höhern Sprosse sehen wir die Menschen klüger, aber nicht besser; wir sehen die Nationen glänzender, aber nicht glücklicher. Die Priester-Könige sind verschwunden, wie früher die Heroen verschwanden, die Klugheit ringt mit der Kraft, die Arglist mit dem Genie und – gewinnt den Preis. Ehre, Gewalt und Geld sind die Hebel der Unternehmungen, Vernunftgesetz, Tugend und Religion werden Dienerinnen der schlauen Berechnung; materielle Interessen dominiren über die geistigen. Die Kunst wird zur Magd, und der wechselnde Geschmack diktirt ihr die Regel, der sie folgt. Sie dekorirt den Hochmuth; sie legt dem Dünkel der Mächtigen um schnöden Lohn den Kranz der Unsterblichkeit um des Haupt. Prachtstädte, Handelsstraßen, Flotten, stehende