Seite:Meyers Universum 14. Band 1850.djvu/115

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Kriegsheere, Hochschulen kommen auf; die Gewalt beherrscht die Idee, für jeden schwellenden Druck der geistigen Kraft hält sie einen materiellen Gegendruck in Bereitschaft.

Der Despotismus kleidet sich endlich in milde Formen, um – absoluter zu herrschen, und die Selbstsucht zieht das Gewand der Vaterlandsliebe, Menschenliebe, Gottesliebe an. Schulen und Kirchen, Schauspielhäuser und Rednerbühnen ertönen von Tugend; doch man verlacht im Stillen Den, der ihnen Vermögen und Lebensfreuden hinopfert ohne stattlichen Ersatz. Die Klugheit ist an die Stelle der Weisheit getreten, und Der heißt der Klügste, der an Arglist der reichste ist und, den Schalk im Herzen, sich am ehrlichsten stellt. Jede That wird zum Produkt der Berechnung, und Gewinn wird ihr alleiniger Zweck. Ales Reine, Hohe, Edle, Uneigennützige wird negirt von vornherein, und wo es sich sehen läßt, wird es vergiftet von der Verläumdung und herabgezogen in den Schlamm der Gemeinheit, in dem das Geschlecht sich wälzt. Der Mensch hat zwar aufgehört, der Leibeigene des Andern zu sein; der Staat aber wird zum Bagno, und der Herrscher kennt nur Freigelassene und Sklaven. Der Staatsbau ist gar kunstreich; Stockwerk auf Stockwerk thürmt sich bis zur Spitze; – oben wohnt die Herrschaft, unten das Gesinde; oben die Faulheit, unten der Fleiß; oben der Genuß, unten die Entbehrung. Minoritäten haben das Wohlergehen als Privilegium für sich; die Mehrzahl hat das Darben und Verderben allein. Die Bildung gehört nicht allen, sondern einzelnen Klassen, und oft wird sie von diesen als ein Werkzeug zur Unterdrückung gebraucht. Aufgelöst ist das Volk in Stände; aber Jeder spricht von der Nation und wenn schmutziger Eigennutz seine Interessen vertheidigt oder fördert, dann hat er stets die Ehre und das Wohl Aller im Munde. Sogar die Beutelschneiderei der Finanz verbirgt sich hinter der öffentlichen Glückseligkeit, die ihr am Herzen liegt, wie dem Satan die Freuden der Engel. Da aber Jeder, welcher Macht hat oder Einfluß, am Staate mitbauen hilft zu seinem Vortheil, welcher nothwendig mit Anderer Vortheil streitet, so wird der Staat selbst zu einem widerspruchvollen Flickwerk der wunderlichsten Formen und der verschiedensten Einrichtungen, deren Tendenzen einander entgegenlaufen. Seine Organisation endigt nie; sie verläuft sich in’s Chaos; die Ueberbleibsel der Vorzeit mengen sich mit vernunftgemäßen Satzungen und Stiftungen; mit den Gesetzen draconischer Strenge und Barbarei proklamirt man die Grundsätze der Philantropie und Humanität, und an die finstern Verließe der Ritterburgen baut der moderne Staatskünstler seine Hütten, in denen Arglist und Gewalt, Dummheit und Ohnmacht, Uebermuth und Feigheit, Aberglauben und Unglauben beieinander wohnen.

„Auf dieser Staffel stehen wir; sie ist die – Gegenwart. Sehnsüchtig schaut die Menge hinan zu den höhern Stufen und fragt: wie wird es da seyn? Und manche Zweifel knüpfen sich an die Sehnsucht.