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Menschen sind mit ihren Städten, Dörfern und Weilern vor den unbändigen Wassern auf die hohern Thalränder geflüchtet, oder auf die Terrassen der Vorberge, oder in den Schooß der tiefern Alpenwelt. Wie auf den Felsenhäuptern des Rheinthals zwischen Mainz und Koblenz, so haben auch hier die Ritter und Pfaffen des Mittelalters die Felszinnen mit dem grauen Gemäuer von Burgen, Schlössern und Klöstern gekrönt: – wohl ein halbes Hundert zählt man in dem Hauptthale allein, und manchem, das zwischen Himmel und Erde auf jetzt unersteiglichen Klippen hängt, gibt die Tradition den Bösen zum Baumeister, und die Sage bevölkert es mit Gnomen und Geistern. Das ganze Thal hat eigentlich das Ansehen einer landschaftlichen Ruine, welche aber von der Natur auf’s reichste geschmückt wurde. In keinem Theile der Schweiz ist die Flora so zahlreich und so mannichfaltig, und während zwischen den Klippen von Sitten in geschützten Lagen das zarte Granatbäumchen wild wächst und die südliche Kaktus klettert, wandelt man weiter oben unter den Gesträuchen und Blumen Islands.

So ist das Wallis, und wie das Land ist auch die nur etwa 20,000 Familien starke Bevölkerung; – sie ist eine Trümmerwelt. Noch hat kein Forscher die Völker aufgezählt, deren Ueberbleibsel in den Thälern und Schluchten zerstreut sind seit grauer Vorzeit. Schon die Idiome stellen ein langes Verzeichniß auf: Gälen, Araber, Hunnen, Gallier, Germanen, Römer, Gothen und Vandalen. Noch hat auch Niemand die Grenzen des Landes fest bestimmt, und die Linien, welche die Karten als solche angeben, hat noch kein Mensch gemessen. Der Flächenraum des Staats ist unbekannt; denn wer kann die Marken stecken auf den Gletschern und Firnen und topographische Aufnahmen bewerkstelligen auf unersteiglichen Eiswüsten, die nur der Adler kennt, oder in den Felsöden, wo der Bär, vor den Nachstellungen des kühnsten Jägers sicher, haust? Nur da sind die Grenzen bekannt und festgestellt, wo Straßenzüge über den Nacken der Hochgebirge laufen, oder wo Alpendörfer, welche die größere Hälfte des Jahrs in Schnee begraben liegen, ihrem Vieh zwischen den Zinken und Berggräthen Sommerweide suchen müssen.

Staatlich ist Wallis in das obere und untere geschieden, und jedes theilt sich wieder in „Centen“, d. h. in kleine, selbstherrliche, verbündete Republiken, die, unter selbstgewählten Obrigkeiten, selbstgegebenen Gesetzen gehorchen. Das Land ist also eine Föderativrepublik, die als Kanton zum Schweizerbunde gehört. Im obern Wallis wiegt das deutsche Volkselement über; in dem untern das gälische und romanische, mit dem arabischen und hunnischen bald mehr oder weniger stark versetzt; denn sowohl von den Heeren des Attila, als auch von den Sarazenen (Arabern), welche im achten Jahrhundert die alte römische Welt vollends verwüsteten, blieben versprengte Schaaren zwischen den Bergen in Wallis sitzen. Von einer Nationalphysiognomie kann unter solchen Verhältnissen nicht wohl die Rede seyn. Das Volk ist, wie alle Mischlinge kaukasischer