Seite:Meyers Universum 14. Band 1850.djvu/147
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
|
|
höchstes Gut und Wesen, – an unsere Ewigkeit. Die Weltgeschichte mag noch tausend Nationen und Reichen Grabsteine setzen, welche ungeboren im Schoose der Zeiten ruhen: du trägst ein unendliches Herz im Busen, du dauerst ewig. Darum getrost, wenn es nachtet, und – die Fackel nicht vergessen! –
Die jetzt so verödete Gegend von Cumä war ehedem die bevölkertste der Campagna Felice. Mit jedem Schritte stößt man hier auf Dinge, welche davon Zeugniß geben. Schutt deckt alle Weiden und Felder, und die Gehölze grünen auf den Trümmern römischer Villen und Sommerwohnungen, welche die Höhen kleideten. Sechs Töchterstädte umgaben das große Cumä, welches von den Griechen schon in den Tagen des Herkules gegründet, zur Zeit des Augusts eine der blühendsten Städte des Reichs war und sogar Rom eifersüchtig machte. Aber gründlicher ist auch keine Stadt des Römerreichs zerstört worden, als Cumä, das, seiner Befestigung wegen, immer von Neuem die Wetter des Kriegs und der Verwüstung auf sich zog. Im fünften Jahrhundert verheerten die Vandalen unter Genserich den Ort; später verbrannten die Sarazenen die Stadt; darauf erhob sich Cumä noch einmal aus der Asche, und im zwölften Jahrhundert fühlten sich die Einwohner stark genug, den Fehdehandschuh aufzunehmen, welchen ihnen die Neapolitaner hingeworfen hatten, die das Gedeihen der Nachbarin mit neidischem Auge betrachteten. In der Feldschlacht besiegt, widerstand Cumä lange Zeit der Belagerung; endlich aber, durch Hunger geschwächt, fiel die Stadt im Sturm, und ihr wurde das Schicksal, das die Römer einst Carthago angethan hatten. Cumä, das dem Zerstörer der stolzen Nebenbuhlerin Roms ein Asyl gegeben, wurde vertilgt von der Erde. Die Einwohner wurden getödtet, die Stadt geplündert und verbrannt, die Mauern niedergerissen und der Erde gleich gemacht, die Felder verwüstet. So vollständig war die Verheerung, daß schon ein Reisebeschreiber des 15ten Jahrhunderts nichts mehr fand, als eine Wüste, mit der Tradition: „Hier hat Cumä gestanden.“
Außerhalb der Stadt erkennt man noch die Substruktionen einer Wasserleitung, eines Tempels und jenes berühmten Amphitheaters, wo die Bevölkerung von Cumä, nachdem sie die griechischen Sitten und Gebräuche mit denen ihrer Besieger, der Römer, vertauscht hatte, an den Kämpfen der Gladiatoren und wilden Thiere sich erfreute. Das Theater faßte 45,000 Zuschauer und war größer, als das Colosseum in Rom. Auch ist noch ein gemauerter Halbkreis kenntlich zum Ruhesitz für die Tausende, die in den mit öffentlichen Anlagen, Tempeln, Monumenten, Bildsäulen geschmückten Umgebungen der Stadt lustwandelten. Ueberall, wo der Spaten oder die Hacke den Boden ritzt, zeigt er Trümmerspuren der verschwundenen Herrlichkeit, und wo Ausgrabungen versucht worden, waren sie lohnend. Cumä mit seinen Vorstädten deckte einen großen Theil des Raums zwischen dem Averner See und dem Lago Licola (jener ist der Kratersee links auf dem Bilde; dieser die Wasserfläche rechts, welche das Profil des Monte Barbaro, des Bergs mit dem viereckigen Thurme, durchschneidet)
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 141. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/147&oldid=- (Version vom 7.7.2025)