Seite:Meyers Universum 14. Band 1850.djvu/153

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

am sichersten schütze. Er sucht im Staate nichts, als seinen Vortheil. Er will Ruhe um seines Erwerbs willen; Errungenes will er behalten und mehren; Vorzug will er erlangen; Macht über Andere will er erstreben, und wenn er sie hat, sie behaupten; er will ungestört seinem Vergnügen oder seiner Bequemlichkeit leben, er scheut jede Unruhe, wie jeden Schmerz. So gesinnt, entsetzt er sich vor dem Wesen der Freiheit überall; in sich selber wie in seinem Hause, in der Gemeinde wie im Staate; denn das Wesen der wahren Freiheit ist ja: zu bewältigen die gemeinen Begierden, bei allen Menschen das gleiche Recht vorauszusetzen, anzuerkennen und zur Geltung zu bringen, die Unterdrückung, die Ungerechtigkeit, die Bevorzugung, die Ausnahmstellung aus der Gesellschaft zu entfernen und jeden Anspruch auf Achtung zu verwerfen, der sich nicht auf persönliche Tugend oder auf nützliches, bürgerliches Wirken gründet; es spottet jeder Auszeichnung, die vom Reichthum, von der Geburt, vom Amt und andern äußern Zufälligkeiten begehrt wird, – kurz es betrachtet das Meiste von Dem als nichtig, was des gemeinen Menschen Wünsche und Streben ausfüllt und wodurch es ihm möglich wird, in der Gesellschaft Geltung zu erlangen. Die Freiheit fragt wenig nach allen diesen Dingen; allein will sie schaffen in des Menschen Brust, allein will sie erwecken und hervorbringen seinen Haß und seine Liebe, seine Freuden und seine Schmerzen, und aus seiner Seele tilgen Alles, was nicht unvergänglich ist und ewig.

Jeder unfreie Staat ist daher grundsätzlich in Widerspruch mit der Bestimmung der Menschheit. Hätte es in der Absicht Gottes gelegen, dem Menschen ein blos irdisches Daseyn zu schaffen, so bedurfte es, wie in der Thierwelt, blos eines unfehlbaren Mechanismus, der unser äußeres Handeln bestimmte, und wir brauchten nichts mehr zu seyn, als die gut passenden Räder einer Maschine. Die Gottesgabe, die Freiheit des menschlichen Willens wäre dann für uns nicht nur eine überflussige und vergebliche, sondern auch eine schädliche, zweckwidrige. Wir müßten dem Schöpfer zurufen: „Weltgeist, nimm sie von uns, diese Freiheit, dieß unheilvolle Werkzeug der Zerstörung unseres bescheidenen Erdenglücks, und gib uns dafür ein Zwangsgesetz, welches uns müssigt, nach deinem Willen und deinem Plane zu handeln.“ –

Aber der Mensch ist nicht immer ein bloßer Erdenbürger. Er ist ein Hauch der Gottheit, und dieser macht ihn unsterblich. Er ist vernünftig, er ist frei, und eben darum kann ein solcher Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen, eine solche Nothwendigkeit, in welcher die Freiheit absolut überflüssig wäre, seine Bestimmung nicht erschöpfen. Der Mensch muß frei seyn; denn nicht die mechanisch hervorgebrachte That, sondern die mit freier Selbstbestimmung gewirkte, macht – dieß sagt uns die innere Stimme des Gewissens – allein unsern wahren Werth aus. Das Band, mit welchem das Sittengesetz mich bindet, ist ein Band für lebendige Geister; es kann keine Beziehung haben zu einem todten Mechanismus; es wendet sich allein an