Seite:Meyers Universum 14. Band 1850.djvu/157
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
|
|
Zersprengt den Wahn, ihr Götter! und last Preußens Namen und Preußens Adler immer prangen auf dem dreifarbigen Banner, der wallen muß und wallen soll über die ganze deutsche Erde.
Kobolde treiben ihr Wesen mit dir und der Eisbär buhlt um dich und haucht dich an mitten im Frühling mit Winterluft und bindet tückisch Blei an deine Schwingen, auf daß du nicht höher zur Sonne fliegest. Du solst dich müde flattern, bis der zweiköpfige Riesengeier des Nordens seinen Augenblick ersieht und auf dich niederstößt und dir die gefesselten Schwingen zerzaußt, und die Federn des Ruhms und der Ehre von dir fallen wie welke Blätter! Wie? hat Preußen vor 37 Jahren darum sein Blut stromweise ausgeschüttet auf den deutschen Fluren, damit die deutsche Eiche gefällt werde von der russischen Axt, oder Schatten gebe nur Slaven und Sklaven? und hat Preußen darum seit jener Zeit Geisterschlachten geschlagen unablässig für die Freiheit in Lehre und Leben, in Wort und That, in Staat und Haus, damit der zottige Riese mit seinem wilden Heer zertrete die Todtenurnen sammt den Siegeskränzen, daß der Kosak seine Lanze stecke auf die deutschen Berge, und die slavische Knechtschaft und Tyrannei, slavische Art und Sitte das Deutsche in Deutschland überwuchere, bis sie es endlich ersticke und es verschwinde?
Schwarzer Adler! Zur Sonne geht dein Flug, der lichte Aether ist deine Heimath, die Freiheit ist deine Stärke!
Als ich ein Knabe war, da lehrte man Geographie und Syntax noch in Reimen, und auf die Frage: „Welche sind die Hauptstädte in Europa?“ schloß der lange Vers:
Lobenstein in Reußen,
Königsberg in Preußen.
In meinem kleinen Kopfe, in welchem die Helden- und Wundergeschichten vom „Alten Fritz“ umgingen, war Preußen damals das mächtigste Reich der Erde, und Königsberg dachte ich mir unter den Städten schön herrlich wie eine Elfenkönigin. Wenn ich auf der Wandcharte der Schule die Namen ablesen mußte, so wurde keiner lauter betont, als – Königsberg. Daß Niemand an ihrem Range irre werde, dafur hatte Herr Homann schon gesorgt. Kein Stadtname hatte größere Schrift und kein Ortszeichen hatte der Thürme und Mauerkränze so viele. Groß wie ein Kupferdreier und mit Zinnober prächtig ausgemalt lag Preußens Königsberg auf der Karte, und es deckte eine großere Fläche, als mein engeres Vaterland, das Gothaer Herzogthum.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 151. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/157&oldid=- (Version vom 8.7.2025)