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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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Des Knaben Vorstellungen gehören längst in’s Fabelreich. Um Königsberg „die Hauptstadt Preußens“ spielt nicht mehr der Nimbus der Pracht, Größe und Herrlichkeit. Preußens letzt-hundertjähriges Wachsen an Reichthum, Macht, Geltung und Volkszahl hat Königsberg mehr genommen als gegeben, und während Berlin, die begünstigte Halbschwester, zur größten Stadt Deutschlands heranwuchs und eine Menge anderer Städte der Monarchie ihre Bevölkerung verdrei- und vervierfachten, hat sich Königsberg nicht behaupten können und ist in der Reihe der preußischen Großstädte von der ersten auf die fünfte Stelle gesunken. Die Zahl der Einwohner ist nicht über 70,000, und die wiederhergestellten Festungswerke und eine starke Garnison drücken der alten Bundesgenossin der Hansa bei vermindertem Handel allmählig das Gepräge eines Waffenplatzes auf. Bellona wird sich in die Verlassenschaft Merkurs als Erbin einsetzen, und sie spinnt emsig den Faden fort, welche diesem entfällt. Es ist, so sagt man, der Plan der Regierung, Königsberg in eine Festung ersten Rangs zu verwandeln und zu verwirklichen, was schon Friedrich II. wollte. Königswünsche gehen selten ganz verloren, die Gegenwart pflegt sie manchmal besser als die Vergangenheit, die sie geboren hat, und die Zukunft bricht dann die mitunter bittern Früchte der Erfüllung um so gewisser. Das Recht der Herrschaft, willkürlich über das Loos ganzer Städte und ihrer Bevölkerungen zu verfügen, nimmt der Volksbegriff unerörtert hin, und kein Mensch läßt sich beikommen, zu fragen, worauf der Fürst den Anspruch begründe, zu bestimmen, daß Städte ihre Zwecke wechseln und ihre Einwohner genöthigt werden, die gewohnten Bahnen des Erwerbs – die Jahrhunderte lang verfolgten oder in Jahrhunderten errungenen – zu verlassen und neue zu suchen. So wurde aus dem weltberühmten Sitz deutscher Wissenschaft, Wittenberg, eine Festung, und Venedig, die alte Königin der Meere, die der Handel aus den Wogen erhob, ihrer Handelsrechte beraubt, wird nun auf Habsburg’s Geheiß in einen Waffenplatz verwandelt zum Stützpunkt österreichischer Herrschaft über das gebundene Italien. Die Rechte der Dynastien nimmt die Welt hin auf Treu und Glauben; wenn vom Rechte der Bürger die Rede ist, fordert sie Beweise durch ächte Urkunden und gültige Zeugen. –
Königsberg hat sich zu beiden Seiten des Pregelflusses hingelagert, der unterhalb der Stadt sich in’s frische Haff ergießt. Es nimmt fast eine halbe Quadratmeile ein mit seinen fünftehalbtausend Häusern und den zwischenliegenden Kanälen, Speichern, Gärten und Feldern. Acht Brücken verbinden die drei Stadttheile: Altstadt, Löbenicht und Kneiphof. Auf einer kleinen Anhöhe steht das Schloß – ehedem die Burg des Böhmenkönigs Ottokar, – später durch viele Anbauten erweitert, nun der Sitz der obersten Landesbehörden der Provinz: Regierung und Oberlandesgericht. Das Innere der Stadt hat ein ernstes, mittelalterliches Ansehen. Die massiven, oft sehr großen Häuser drücken langbestehenden bürgerlichen Wohlstand aus; gegenwärtig ist dieß jedoch nur in beschränktem Sinn wahr; denn der sonst sprichwortliche Reichthum des Königsberger
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 152. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/158&oldid=- (Version vom 8.7.2025)