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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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Es ist unter den Irrthümern in dieser Zeit einer der größesten gewesen, zu glauben, daß die Intelligenz, als solche, ausreiche, der Gesellschaft Leben, Harmonie und Kraft zu geben und auf die exklusive Bildung des Verstandes, des Wissens und Könnens ihren Fortschritt zu begründen. Man wähnte und lehrte, die Intelligenz allein, losgelöst von Allem, was sie läutert und befruchtet, genüge, um den Wegfall der sittlichen Kräfte im Menschen zu ersetzen. Moral und Religion wurden als Fesseln des freien Willens erst gehaßt, dann verhöhnt. Befangen in dem Wahne ihrer ausschließlichen Souveränität versank die Intelligenz in den Pfuhl des Egoismus. Je tiefer sie aber in demselben niedertauchte, je höher wurde ihre Selbstüberschätzung. Sie vergötterte sich in ihrem Wahnwitz; sie hielt ihre Entwürfe und ihre Träume für unfehlbar. Sie wollte nur sich gelten lassen mit Ausschluß aller anderen Faktoren der Gesellschaft und im Widerspruch mit den Thatsachen der Gegenwart und Vergangenheit. Sie proklamirte sich als die Grundlage der Civilisation und als berufen und berechtigt zur Alleinherrschaft; sie gab sich aus als das alleinige Mittel zur Macht, als den alleinigen Rechtstitel zum Glück und Erfolg in der Gesellschaft. Anerkannt von der Mehrzahl für Das, wofür sie sich ausgab, warb sie fortan das Ziel aller strebsamen Geister und der auf „ein glänzendes äußeres Glück“ gerichteten Erziehung. Man wollte nicht mehr gute Menschen bilden, nicht mehr sie im lautersten Sinn zur höchsten individuellen Veredelung führen: nein! durch kunstgerechte Dressur die Kraft des Verstandes treibhausartig zu entwickeln, das war der ostensible Zweck der herrschenden Pädagogik. – Kapacitäten sollten sie werden, ihre Zöglinge, Kandidaten für allerhand Würden und Ehren im Staate. Das Siegel ihrer Befähigung im öffentlichen Rennen nach Amt, Ansehen, Einfluß und Macht wurde das Talent und dieses, im Knaben schon zur Selbstvergötterung verzogen, drängte sich, es mochte ein wahres oder ein eingebildetes seyn, anmaßlich aus jedem unbärtigen Mund hervor, um über Alles zu urtheilen, zu streiten über alles und für Alles Pläne der Neuorganisation und Reform zu entwerfen. Dadurch ist es gekommen, daß die jetzige Gesellschaft beschwert ist durch eine Legion von verschrobenen Menschen, die zu nichts Tüchtigem tauglich und zu nichts Rechtem aufgelegt sind, halben, Viertels- und Achtelstalenten,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 171. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/177&oldid=- (Version vom 14.7.2025)