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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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schlingt er lebendiges Grün und von den Gesimsen läßt er die bunten Kinder der Flora auf die Vorübergehenden freundlich niederschauen. Pflege der Blumen ist eine Lieblingsbeschäftigung der Lübecker, und wer keinen Garten am Hause hat, der putzt sich doch sein Fenster zum Gärtchen aus, sey es auch nur ellengroß.
Die Stadt ist für ihre gegenwärtige Bevölkerung (28,000) zu groß und sie erscheint daher, mit Ausnahme des Marktes und einiger Hauptstraßen, ziemlich leblos. In dem weiten Raume streckt sich Jeder so behaglich als möglich aus und die meisten Häuser sind nur von einer Familie, viele nur im ersten Stock bewohnt. Die Giebelfenster, welche sich mehrfach über einander reihen, erhellen Speicher und Böden; keine wohnbaren Räume. Am lebhaftesten ist die Breitenstraße, welche die Stadt in der Mitte durchschneidet und die stattlichsten Gebäude hat; ferner die Mühlen- und die Holstenstraße. Auf den Kaien der Trave, welche die Stadt im Halbkreise umschließt, ist des Gewühls viel, wenn die Schifffahrt geht, und bei der Holstenbrücke, am eigentlichen Hafen, mahnt dann das rege Treiben manchmal an Lübecks große Zeit. Im Mastenwalde flattern die Flaggen aller Nationen des Nordens. Man hört da russisch, schwedisch, lettisch, finnisch, dänisch, holländisch und englisch reden von den gebräunten, ausgewetterten, untersetzten, stämmigen Männern in den Theerjacken. Deutsche Matrosen aus allen Häfen von der Memel an bis zur Ems lungern umher und die schwarzmonturten „Träger“ und Hafenarbeiter heben und rollen die Güter an’s Land oder in die Fahrzeuge hinein, und die Kärrner sind beschäftigt, Fässer und Ballen aufzuladen und in die Stadt zu bringen, oder kommen vollgepackt zum Kai in langem Zuge. Lübeck hat, als selbstständiger Markt, wenig Bedeutung mehr; als Speditionsplatz aber ist es immer noch der wichtigste der Ostsee. Durch Dampfer unterhält es einen regelmäßigen Verkehr mit Kopenhagen, Kiel, Stockholm, Petersburg und den kurländischen Häfen.
Rhederei und die ihr dienenden Gewerbe, Reepschlägerei und Schiffbau beschäftigen viele Hände und auf den am jenseitigen Ufer der Trave gelegenen Werften sind allezeit Schiffe im Bau oder in Ausbesserung. Holstein, Mecklenburg, Ostpreußen liefern dazu das Holz; Schweden und England das Eisen; Rußland das Kupfer zum Beschlag.
In einer Stadt, welche das Gewand einer an Ehren und zeitlichem Gut so reichen Zeit wohlerhalten mit in die Gegenwart nahm, kann es an merkwürdigen Gebäuden nicht fehlen. Zeugen der alten Herrlichkeit sind die Kirchen und vor allem das Rathhaus mit seinen Erkern und dreizehn minaretartigen Thürmchen. Da ist noch der Saal zu sehen, in welchem die Hansa tagte und Beschlüsse faßte, die als Gesetz galten bis in die öde Lappmark und im Kreml und an den Ufern des Tajo erwogen wurden. Lübecks herrlichste Zierde aber ist die Marienkirche, deren über 400 Fuß hohes Thurmpaar auf zehn Stunden weit zu sehen ist und Lübecks Schiffern schon vom Meere aus die Heimath erkennen läßt. Wenige Kirchen der Christenheit machen einen imposantern
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 188. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/194&oldid=- (Version vom 18.7.2025)