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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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der Schwäche, drückt das Geschlecht, verengt den Sinn und schmälert den Muth. Die Lübecker sind zu bequem geworden, der große und weite merkantile Blick, welcher die Konjunkturen zu verstehen und kühn zu nutzen weiß, ist getrübt, weltumfassende Spekulationen liegen außerhalb des Kreises ihrer Strebungen und ihres Thuns. Auch die aus den mittelalterlichen Zeiten überkommenen Einrichtungen stören die freie Bewegung der Bürger in mannichfacher Weise und an das verknöcherte Wesen der Zünfte und Korporationen klemmt sich der Eigennutz mit Beharrlichkeit, erschwert das Wegräumen ihrer Schranken oder macht es, auf sein Recht pochend, unmöglich. Deshalb ist auch Zwist und Hader in der Gemeinde nicht selten und schon seit langer Zeit ist das staatliche Leben durch zwei Parteien gespalten. Die eine vertheidigt das Alte und Herkömmliche. Sie will das Bestehende, das Ueberlieferte, das wohlerworbene Privilegium allein anerkennen und trägt vor allem Werdenden und Neuen eine tiefe Scheu in ihrer Seele. Ihre Hauptstärke hat sie im Arbeiter- und Handwerkerstande; mehr in der Faust als in der Bildung. Sie mag an den Formen nicht gerüttelt wissen, aus denen das Leben auf den Schwingen der Zeit längst entfloh und schleppt sich mit einer Leiche bis zur Verwesung fort. Jeder zur Aenderung dringenden Thätigkeit rückt sie das historische Recht entgegen und die Institutionen, welche die große Vorzeit hinterlassen hat, sind der Inbegriff ihrer Achtung und Anhänglichkeit. – Die andere Partei ist geringer an Zahl, aber stärker durch Intelligenz, Reichthum und Einfluß. Sie ist jetzt die mächtigere. Mit der verlebten Vergangenheit hat sie gebrochen. Sie will von den Gestalten des Mittelalters nichts mehr wissen, die an Gräbern wandeln und kein Todtenopfer herein in’s frische Leben beschwört. Sie sieht ein, daß eine unübersteigliche Kluft das Jetzt vom Einst scheidet. Sie erkennt an, daß eine andere Zeit andere Sitte und Gesinnung, andere Denkungsweise, Verhältnisse, Rechte und Bedürfnisse, auch neue Strebungen und neue Formen des öffentlichen Lebens fordere und daß in der neuen Welt, die an die Stelle der alten trat, und in dem jungen Leben, das auf den Hügeln des gestorbenen grünt, das Geschlecht die Verpflichtung hat, sich klug anzubauen mit den Seinen und sich behaglich einzurichten. Im Charakter der fortschreitenden Geschichte will das junge Lübeck vorwärts in den Dingen des Staats, der Gemeinde und der Geschäfte und seine Thätigkeit richtet sich eifrig auf das Eine hin: auszufüllen den neuen Kreis, der offen ist, und sich loszuwinden von Dem, was fesselt, – von den alten Institutionen, bei denen kein Verlaß mehr ist, nicht Würde noch Sicherheit nach außen, nicht Gedeihen noch Glück nach innen.
So ist denn, spät zwar, doch nicht zu spät, das lübeckische Leben in’s Treiben und Bewegen gekommen, und wenn der Spruch:
sein Motto bleibt, so wird auch Lübecks Stern nicht untergehen.
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 190. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/196&oldid=- (Version vom 18.7.2025)