Seite:Meyers Universum 14. Band 1850.djvu/200
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
|
|
Die Sonne stieg nun herauf in all ihrer Pracht. Die ganze Landschaft, im Morgenthau gebadet, funkelte. – Wie ist’s schön hier, dachte ich, in diesem wegen seiner Häßlichkeit und Einförmigkeit so verschrieenen Lande! – Die lichten Wellen warfen ihren Abglanz auf Bäume und Büsche, melodisch rauschten die wogenden Gipfel im Morgenwind, kreischende Wasservögel strichen über den Strom, die Klänge der Frühglocken aus den Ortschaften rechts und links begegneten sich über dem Wasser und luden ein zum Morgengebet. Hie und da sahen wir Schaaren von Kirchengängern auf den Kronen der Dämme hinziehen, oder schäkernde und jubelnde Gruppen von Kindern: Alles war Sonntag und Sonntagsandacht und Sonntagsfreude; und als endlich rechts und links dicht an einander geschaarte Landhäuser, die auf den Strom hinausschauten, ihre glänzenden Stimmen zeigten; als am Ufer Masten an Masten und Segel an Segel sich drängten, die, dem Sonntag zu Ehren, flaggten; als aus der Tiefe des Häusermeers die Thürme auf unser Fahrzeug herabschauten: da konnten wir nicht mehr zweifeln, am Ziele zu seyn. Und so war es wirklich. Die Schiffsknechte drehten das Fahrzeug nach einer offenen Stelle am Kai, sie zogen die Ruder ein, schoben ein Bret vom Deck auf den Steindamm: – wir waren im Bremer Hafen.
Vierzig Jahre fast sind seitdem vergangen. Damals gab es noch keine Eisenstraßen und Dampfschiffe. Man brauchte zu einer Wasserfahrt von Münden nach Bremen 7 Tage. Auf dem Postwagen reiste man nicht viel schneller; von Hannover nach Bremen mußte man 3 Tage durch die Heide fahren. Jetzt durchfliegt sie das Dampfroß in 6 Stunden. Wenn man zu jener Zeit eine Reise von Bremen nach Amerika unternahm, so machten vorsichtige Leute ihr Testament: jetzt ist’s eine Spazierfahrt. Die Erde ist kleiner geworden; der Mensch nicht glücklicher.
Bremen, als Stadt, ist gerade nicht sehr schön. An die vornehme, imponirende, prätensiöse äußere Erscheinung deutscher Residenzen ähnlicher Größe ist nicht zu denken. Bremen hat Besseres. Es hat den ansprechenden Ausdruck einer frischen, kräftigen, fleißigen, frohen, behaglichen Bürgerlichkeit. Es sagt nicht: schau’ mich an und bewundere! – Aber das Gemüth heimelt’s an, es wird dem Menschen wohl in dieser Stadt, wo Ehrbarkeit, Zucht, Fleiß und Sitte neben Bildung und Weltkenntniß in so anspruchslosen Formen sich bewegen. –
Der breite Strom der Weser, welche 14 Meilen weiter abwärts in die Nordsee mündet, theilt Bremen in 2 Hälften von ungleicher Größe: – in die Alt- und Neustadt. Aus dem bevölkerteren Theile, der Altstadt, führen steinerne Brücken zum linken Ufer. Außerhalb der ehemaligen Wälle strecken sich die Vorstädte in’s Land. Der Umfang der Stadt mit den Vorstädten ist etwa 3 Stunden. Auf dem Raum der ehemals starken, zu Anfang dieses Jahrhunderts geschleiften Festungswerke ist ein Park angelegt, welcher die Altstadt in einem Halbkreise umfaßt, der an den beiden Enden die Weser berührt. Diese Anlage wetteifert mit den schönsten städtischen Umgebungen Deutschlands. Promenaden wechseln ab mit fließenden Wassern, Licht- mit
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 194. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/200&oldid=- (Version vom 19.7.2025)