Seite:Meyers Universum 14. Band 1850.djvu/215
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
|
|
entgegen, und wenn heute das Khalifat erstünde aus seinem Grabe: es würde sich in Valencia leicht zurecht finden. Nur der Glaube ist anders geworden: – statt Mohamed steht Christus, statt des Halbmonds steht das Kreuz. Die Sonne erwärmt aber das Land jetzt wie damals, die Natur spendet aus vollen Händen ihre Schätze, und der Mensch freut sich ihrer und genießt sie heute wie ehedem.
„Es lebe die Freude und das Leben, das sie gibt!“ ließ ein Khalif über die Pforte des Thurmes meißeln, welchen wir im Bilde sehen. Das war gewiß ein weiserer Mann und auch ein besserer, als der Bischof, der den Spruch wegnahm und ein „Ecce Homo“ an die Stelle setzte.
Um den Vierwaldstätter-See, in der Mitte der heutigen Schweiz, lebten seit uralter Zeit die Nachkommen der Cimbern und Teutonen, welche vor dem Römerjoch dahin geflohen waren. Ungestört weideten sie ihre Heerden auf unbekannten Bergen und Alpen. Jahrhunderte lang hatten sie nur eine einzige Kirche; sie stand im Muttathale. Dahin zog das Volk aus Schwyz, Unterwalden und Uri an Sonntagen und an Festen zu gemeinsamem Gebet. Die Leute dieser drei Gemeinden, alle von alten deutschen Stamm, mischten sich mit keinem andern. Ihre Obrigkeit wählten sie, nach hergebrachter germanischer Sitte, jedes Jahr aus erfahrenen redlichen Männern. Nur den Kaiser betrachteten sie als ihren Fürsten; unterthan waren sie Niemandem, denn dem Reich allein.
Erst im dreizehnten Jahrhundert, nachdem des Volkes mehr geworden war, trennten sich die Gemeinden in drei verschiedene Landschaften: Schwyz, Uri und Unterwalden. Jegliche erbaute sich eine Kirche, jede setzte ein eigenes Gericht ein, jebe kürte einen eigenen Schultheißen, Landamman geheißen. In allen wichtigen Dingen beriethen und handelten sie aber gemeinschaftlich, wie zuvor. Das war der ewige Bund der Eidgenossen.
Um den See steigen die Berge hoch hinan gegen das Himmelszelt, und aus den Firnen, die von ewigem Schnee und Eise glänzen, haben wohl an die hundert Gießbäche tiefe Thäler gehöhlt. Diese Hochthäler waren
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 209. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/215&oldid=- (Version vom 19.7.2025)