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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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Als aber die Sieger am Abend ihre Mannen zählten, da fehlte über die Hälfte. Ihre besten Männer sahen zwar die Schlacht, doch nicht den Sieg. Es waren gefallen: Konrad, der Landamman von Muri; Siegfried von Tiesselbach, der Landamman von Unterwalden; Konrad Grüninger von Glarus; diese drei wurden als die Tapfersten geehrt. Der Luzerner Schultheiß Petermann v. Gundoldingen, ein angesehener Mann, lag auf einem Hügel von Rittern, die seine Streitaxt gefällt hatte; er stöhnte verblutend an vielen Wunden. Ein Luzerner fand ihn so und rief ihm zu: „Schultheiß, sag’ mir Deinen letzten Willen für die Deinen“. Da rief Petermann: „Nichts den Meinen; aber unsern Mitbürgern sage: sie sollten keinen Schultheißen länger als ein Jahr im Amte lassen! –“
Das war der Tag von Sempach. Des Blutes war viel geflossen: aber tief wurzelte die Eiche der Volksfreiheit nun in dem befruchteten Boden, sie konnte trotzen allen späteren Stürmen.
Griechen und Römer verehrten die Stifter ihrer Freistaaten als Halbgötter, versetzten sie auf den Olymp und richteten ihnen Tempel auf. Die Republikaner der Schweiz stifteten denselben Kapellen und ordneten kirchliche Feierlichkeiten an zu ihren Ehren und Gedenken. So finden wir die Tellskapellen auf der Tellenplatte am Urnersee und neben Küßnachts hohler Gasse; so die Kapelle auf der Morgartner Matte; so die bei Sempach. Ein Gedanke hat sie alle gebaut: – mit Gott ward’s gethan, ohne seine Hülfe konnten’s die Menschen allein nicht!
Die Sempacher Kapelle steht auf der Höhe, wo die Schlacht war. Uralte, breitästige Bäume werfen ihre Schatten auf das weite Heldengrab. Ein alter Waldbruder wohnt neben der Bethütte, um den Reisenden als Führer zu dienen und die Kapelle zu öffnen. Im Innern steht auf einem kleinen Altar das Bild des Gekreuzigten. Zu beiden Seiten knieen Freund und Feind: Herzog Leopold auf der einen, der Luzerner Schultheiß Petermann von Gundeldingen auf der andern. Die Schweizer sagen: Ohne den Zwang hätten wir die Freiheit nicht, ohne Leopold keinen Winkelried! Und es ist ein hoher, einem freien Volke würdiger Sinn, der den ehrenhaften Feind noch nach seinem Tode so zu achten weiß.
Winkelried’s That ist über der Thüre des Kirchleins abgebildet. Man sieht den starken Mann, wie er die Spieße faßt und in seinen Leib begräbt; und unter der Tafel liest man:
| Arnold von Winkelried Macht den Seinen eine Gasse. – |
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 218. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/224&oldid=- (Version vom 20.7.2025)