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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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der Verhältnisse verrathen den Meister. Schmuck ist wenig daran. Auf der den Boulevards zugekehrten Fronte stellen sich zu beiden Seiten des Bogens die kolossalen Marmorbilder des Rheins und Hollands in halberhabener Arbeit dar, Fesseln an den Füßen und sitzend in der demüthigen Stellung der Ueberwundenen. Von der Tafel über dem Bogen aber strahlte und prahlte die Rieseninschrift:
Paris baute dies Thor zu Ehren Ludwigs XIV. nach den Siegen desselben in Deutschland und Holland mit einem Aufwand von 4 Millionen. Sie that’s als Sklavin ihres Herrn und auf des Herrn Geheiß. –
Finstere Zeiten waren dem Jahrhundert Ludwigs XIV. vorausgegangen. Wie im ganzen Westen des Welttheils, so waren auch in Frankreich Land und Gut, Reichthum und alle Lust des Lebens, alle Waffen zur Vertheidigung des indischen Besitzes, alle Kunst, Wissenschaft und göttliche Erkenntniß ein Eigenthum von Königthum, Adel und Kirche. Sie hatten Alles, konnten Alles, wußten Alles; das Volk, – mit Ausnahme der Bürgerschaft einiger größeren Städte, – war arm, dumm und wehrlos.
Nachdem die Kreuzzüge die Kraft des Adels gebrochen hatten, nachdem das Ansehen der Kirche erschüttert war durch die Spaltungen in ihrem Schooße und durch die Zweifel an der Unfehlbarkeit ihrer Dogmen, verlor die Staatsgewalt das Gleichgewicht ihrer Theile. Das sich stärker fühlende Königthum strebte nach unbedingter Alleinherrschaft. Zu vorsichtig, offen auf sein Ziel loszugehen, gebrauchte es die Mittel der List und macchiavellischen Künste. Schon unter Franz I. (in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts) begann jene Korruption, welche nachmals Ludwig XIV. schematisirte und zur konsequenten Ausbildung brachte, und die in ihren Folgen die Revolution vorbereitete. Ein glänzender Hof lockte den Adel aus seinen Schlössern in die Umgebung des Monarchen. Im Schranzenleben schrumpfte seine ritterliche Kraft, sein stolzer Unabhängigkeitssinn brach durch entnervende Vergnügungen und durch die ansteckende Sucht nach leeren Auszeichnungen; der oppositionelle Geist der Provinzialstände wurde durch Bestechung, die Ehrfurcht vor der richterlichen Würde durch die Käuflichkeit der Richterstellen gelähmt. Heinrich IV. hatte zwar den guten Willen, aber nicht die Macht, dem einreißenden Verderben zu steuern, und in den während seiner und der Regierung seines Nachfolgers Ludwig XIII. fortdauernden Bürger- und Religionskriegen wuchs die Zerrüttung. – Richelieu, der Mann, welcher unter letzterem die Geschicke des Reichs leitete, benutzte die kriegerischen Verhältnisse, um die Schranken zu erweitern, welche die Königsgewalt umzogen, und sein Nachfolger Mazarin, listiger noch als sein Vorgänger, wenn auch
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 226. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/232&oldid=- (Version vom 20.7.2025)