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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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man sich entledigen wollte, starben in diesen Orten der Qual schon während der Untersuchungshaft. Unter dem „großen Könige“ wurde es für jeden wohlhabenden Franzosen Brauch, den Richtern Jahresgeschenke darzubringen, um die Geneigtheit Derer zu erhalten, welche Ehre, Hab, Gut, Leben der Bürger zu zerstören allezeit Macht und Gewalt hatten, und um dem Entsetzlichen dieser Justizverfassung die Krone aufzusetzen, sprach Ludwig sich selbst das Recht zu, jeden Franzosen durch unmittelbare „Allerhöchste Haftbillets“ (lettres de cachet) ohne Anklage, Untersuchung und Spruch in seinen Verließen der Vergessenheit zu überliefern, – sie gleichsam lebendig zu begraben! Indessen würde doch diesem Monarchen an seiner „Größe“ noch etwas mangeln, wenn diesem Musterbau des Despotismus, dieser tausendrädrigen Maschine der Volksberaubung und des Volkselends, das Eine gefehlt hätte, welches Dionys, (auch ein „großer König“) sich in etwas roher Weise in Syrakus eingerichtet hatte: – ich meine jenes Ohr,das die Gedanken erhorcht, jedes Wort belauscht und bis in die Tiefen der Seele hinuntersteigt, um die Ueberzeugung und Meinung der Bürger zu erforschen. Ludwig XIV. hatte ein geheimes Kabinet das der offene „Löwenrachen“ war, wo die aus einem über das ganze Reich gebreiteten Netze von Agenten und Aufpassern gehenden Fäden zusammenliefen; es war der Mund eine im Finstern schleichenden, spähenden, lauernden, horchenden, das Vertrauen mißbrauchenden, die Verschwiegenheit provozirenden und unterminirenden Macht, die die hohe Polizei hieß und im Volke das böse Gewissen des Königs genannt wurde. 1600 königl. Spione fraßen jährlich anderthalb Millionen Livres von dem Schweiße des Volks, und eine viel größere Summe ging in’s Ausland, theils zur Korruption und Bestechung, theils um Diejenigen zu überwachen, welche den „Haftbillets“ (den Lettres de cachet), oder dem Lebendigbegrabenwerden in seinen Oubliettes, oder der Bosheit der Gerichte durch zeitige Flucht ins Ausland zu entrinnen so glücklich waren. Damit endlich die Sklavenzüchtung um so rascher im Volke gedeihe, so predigte der „große König“ durch eigenes Beispiel und das seines Hofes das Evangelium der Sittenlosigkeit. Aus der verpesteten Hauptstadt ergoß sie sich wie ein Giftstrom über ganz Frankreich. Eine Literatur, welche die Unzucht auf den Altar stellte und die Jugend des Reichs zu ihrem Dienste einlud, ging aus dem Literatenkreise hervor, welcher die Pensionen des „großen Königs“ bezog. Massenweise und fast umsonst in die Provinzen geschleudert, trug sie die moralische Fäulniß bis in des Reiches fernsten Winkel. Ludwig der Große wußte wohl, daß ein entsittlichtes Volk das gelehrigste sey für die Knechtschaft und ein solches das Joch der Sklaverei am geduldigsten trage. Die Erfahrungen der Tyrannen Roms in der Cäsarenzeit waren an ihm so wenig verloren, als an Andern vor und nach ihm. – Stumpf und abgelebt mußte das Volk gemacht werden, wenn es die Knechtschaft tragen sollte. Schwindel und Betäubung mußte in seiner Stirn und in seinem Mark hausen, Entmannung mußte an die Stelle der Kraft, Indolenz und Apathie an die Stelle der Erregbarkeit treten, für die Rüstigkeit, der Keuschheit Preis, mußte das Volk das flache, läppische
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 230. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/236&oldid=- (Version vom 23.7.2025)