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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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Wesen der Lüderlichkeit tauschen, bei dem aller Ernst der Gesinnung und alle moralische Kraft des Widerstandes verloren ging, damit es die Fußtritte der Gewalt nicht nur schweigend hinnähme, sondern sich auch noch dafür bedankte, und es die Lehren der Lüge und des Aberglaubens acceptire von seinem Herrscher wie ein Evangelium, prüfungslos, weil es keiner Prüfung fähig war. – Die Zeiten der Caligula und Nerone schienen zurückgekehrt. Der „große König“ war der Ceremonienmeister, der sie der civilisirten Welt mit leichter Grazie vorstellte, und Paris, die alte Lutetia, war die hohe Schule, auf welcher die Monarchie der halben Welt eingeweiht wurde in alle Mysterien der Tyrannei, der Verworfenheit und in alle Laster, welche den wahren Beruf des Fürsten schänden und ein heiliges Verhältniß in ein höllisches verkehrten. Ludwig XIV. lebte lange genug, um die Früchte seiner Saat zu ernten und sich der Zöglinge zu erfreuen, welche aus dieser Schule hervorgingen! Er sah sich, nachdem die Männer von Geist und Charakter, welche eine bessere, ältere Periode dem Staate erzogen hatte, (was hätte nicht ein Colbert leisten können unter einem guten Fürsten!) verbraucht waren, umgeben nicht mit Groß-Würdenträgern seines Reichs, sondern Groß-Schandträgern, Kreaturen seiner Mätressen und ihrer Intriguen, Trägern des Verderbens und der Verachtung, die in ihrer Widerlichkeit nicht einmal die äußere Würde des Königthums zu wahren verstanden. In seinem hohen Alter sah der Tyrann sein durch ihn unglücklich gewordenes Volk an dem Rande des Abgrunds, er sah Millionen, die ihn als ihren Verderber anklagten, er sah die Staatsverwaltung in grenzenloser Verwirrung, die Hülfsquellen des Reichs auf’s Aeußerste erschöpft und als Beute eines zahllosen Heeres von Beamten, die den Staat noch schamloser plünderten, als ein Feind erobertes Land. Die Abgaben waren ein oder mehre Jahre voraus erhoben. Der Staat schuldete 600 Millionen den Generalpächtern, die dem Bestohlnen ihren Raub zu 15 bis 20 Procent vorstreckten; die Armee war demoralisirt, ihre Disciplin war gelockert, sie war geleitet von Führern meist ohne Ruhm und ohne Ehre, die ihre Stellung der Gunst von Mätressen verdankten, und in der Staatskasse war beständige Ebbe. Alle List, Künste und Lügen, welche eine Finanzverwaltung zu entehren vermögen, waren versucht und verbraucht, und der Kredit des Reichs war Null gegenüber einer Staatsschuld von fünftehalb Tausend Millionen Livres! Nicht einmal Das, was des Königs Verschwendung baute, die oft zum Wahnsinn sich steigerte (wer kennt nicht die Thorheiten, Seen zu graben auf den Bergen, aufzuwerfen Höhen in der Ebene, wasserlose Einöden in Parke zu verwandeln und mit dem Aufwand von Hundert Millionen Kanäle zu thörichten Wasserkünsten zu bauen; – und wer hätte nicht von Marly, Trianon, Versailles etc. gehört!), – nicht einmal Das konnte erhalten oder vollendet werden.
Ludwig XIV. hinterließ Versailles, die Apotheose des Königthums, wie er es zu nennen pflegte, nachdem er über eine Milliarde an das unnütze Bauwerk vergeudet hatte, als Fragment, – weniger glücklich, als Philipp II. von Spanien, der seine Apotheose des Pfaffenthums, das Eskurial, doch fertig brachte. Philipp
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 231. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/237&oldid=- (Version vom 23.7.2025)