Seite:Meyers Universum 14. Band 1850.djvu/251
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
|
|
|
Was treibt den Mann mit ungestümem Drang, |
Endlich war alle todte und lebendige Fracht an Bord und des Dampfers Riesenleib setzte sich in Bewegung. Ein Remorqueur half uns aus dem Hafen und nach wenigen Minuten peitschten unsere Schaufelräder die Wogen des großen Oceans. Die Kanonen donnerten unser Valet, als wir den Fels des Kastells von Panama passirten und weithin hallten die Erwiederungs-Grüße in den hohen Gebirgen. Ueber den tausend Zurüstungen und dem Wirrsal bei der Einschiffung war es Abend geworden. Schneller und immer schneller eilte die rothglühende Sonne dem Meere zu. Als sie den heißen Kuß auf die Lippen der kalten Wasserbraut drückte, da schüttelte diese die goldschimmernden Wogenlocken und Himmel und Meer erglänzten in unbeschreiblicher Herrlichkeit, bis die Abendnebel aus den Fluthen stiegen und die Dämmerung ihren grauen Schleier über die Scene breitete. Zu unförmlichen Massen schmolz nun die Küstenlandschaft zusammen. Nur die Spitzen und Hörner der Cordilleren und einige Gipfel ferner Vulkane erfreuten sich noch des Tages. So sonnen sich die großen, höhern Menschen oft noch im späten Alter im warmen Geisteslicht, während für die niedern Naturen schon lange die Seelennacht anbrach.
Unsere Schiffsgesellschaft bestand aus fast 600 Passagieren. Sie war eine Musterkarte aller Völker. Alle diese Menschen hatten nichts mit einander gemein als das Ziel: Kalifornien und den Reisetrieb: Golddurst. So lange es Tag blieb, summte es auf dem Deck wie auf der Börse in London oder New York. Man hörte alle Sprachen. Mit dem Einbruch der Nacht verödete es allmählig; bloß einige Gruppen blieben zurück, in den Genuß des herrlichen Abends versunken. Das Rauschen der von den rastlosen Schlägen der Schaufeln gepeitschten Wogen dröhnte durch die Stille. Die langhin wallenden Rauchfahnen aus den beiden Schlöten vereinigten sich über den Wassern, bis sie in den weißgrauen Nebeln verschwammen. Die Matrosen, kecke, braune, ausgewetterte
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 245. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/251&oldid=- (Version vom 26.7.2025)