Seite:Meyers Universum 14. Band 1850.djvu/253
| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
|
|
der Berge. Die isolirten Häupter verschwinden und an ihre Stelle treten lange, wellenförmige Bergrücken, an deren Fuß sich grüne Ebenen ausbreiten, die, gegen das Meer hin, allmählig in dürre Sandstreifen auslaufen, auf welchen bei der Fluth die Wogen sich tummeln.
Am fünften oder sechsten Tage der Fahrt traten wildere und rohere Küstenformen auf. Zackiges Felsgebirg stieg in steilen Absätzen aus dem Hochrücken im Hintergrunde zum Ufer nieder; schwarze, groteske Klippen, oft wie Thürme oder Ruinen alter Schlösser, ragten aus den Fluthen, umtobt von der Brandung, welche ihren weißen Gischt emporwarf, und umschwirrt von kreischendem Gevögel in unzählbaren Schwärmen. Es ist die Südspitze von Altkalifornien, das seine himmelhohe Berggräte als eine zweihundert Meilen lange Zunge, mit der mexikanischen Küste parallel, in den großen Ocean hinausreckt. Ein wildes, trauriges, ödes Gestade! Die Natur scheint auf dieser Felswüste erstorben zu seyn. Kein Strauch, keine Schlingpflanze findet eine Handvoll Erde, um auf dem kahlen Gestein zu wurzeln, daß die Stürme peitschen und die tropische Sonne versengt. Das ganze Land gleicht einem großen Grabhügel, unwirthlich und zurückstoßend, und nur für Adler, Seevögel und wilde Thiere zum Aufenthalt einladend. Die spanischen Ansiedelungen in Alt-Kalifornien sind zu Grunde gegangen und das Gebirge wird von den Indianerhorden nur der Jagd wegen durchzogen.
Das Auge des Seefahrenden weilt mit Furcht auf dieser Küste, und der Schiffer sucht so schnell als möglich aus ihrem Bereiche zu kommen. Bei entstehenden Weststürmen, die sehr häufig und plötzlich eintreten, bringt sie den Fahrzeugen Unheil. Kein Nothhafen öffnet hier den geängstigten Seefahrern die Arme, und Klippen und Felsriffe drohen mit Untergang und Verderben aller Orten.
Endlich, nach 4–5tägiger Weiterfahrt, wurden die Küstenansichten wieder freundlicher. Dort, wo die neue Grenzlinie zwischen den Vereinigten Staaten Nordamerika’s und Mexiko’s vom Gila und der Spitze des kalifornischen Meerbusens herüber nach dem stillen Ocean gezogen ist, verflachen sich die kahlen Gebirge zu waldumgürteten, Höhen, die mehr und mehr in’s Land zurücktreten und die Küste als ein grünes Hügelland mit zahlreichen Buchten und Einschnitten zurücklassen. Wir begrüßten dicht auf der Grenze, über einem Fort auf einem Vorgebirge, welches ins Meer hinaustritt, das hoch von einem Maste flatternde Sternenbanner der anglosächsischen Republik. – Salutschüsse donnerten und der Gruß der ganzen auf dem Deck des Dampfers versammelten Mannschaft machte Chorus dazu. „Kalifornien!“ – Alle Herzen pochen laut, wie das Wort von Mund zu Mund läuft, und alle Augen hängen mit Verlangen an dem grünen, lachenden Bilde des Landes – des Landes ihrer Hoffnung, ihrer Sehnsucht und ihrer Phantasie, die es mit den glänzendsten Farben malt und vergoldet. – Und schön ist dies Land wirklich, und noch schöner erscheint es unter dem
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 247. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/253&oldid=- (Version vom 26.7.2025)