Seite:Meyers Universum 14. Band 1850.djvu/254

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Eindrucke des Kontrasts, den der Anblick der alt kalifornischen Küste geboten hatte. Aus friedlichen Buchten gucken die Niederlassungen der alten und neuen Besitzer hervor, Städtchen mit blinkenden Häusern und kleinen weißen Kirchen, oder einzelne Gehöfte inmitten von Obsthainen und Pflanzungen. Das Klima ist zwar noch fast tropisch in diesem Breitengrade; doch von der Seeluft gekühlt, wird nur im Hochsommer die Hitze dem Kolonisten lästig. Dann thut sie auch der Landschaft auf kurze Zeit Abbruch. Das Gras versengt und die sonst mit Grün bekleideten Berge bekommen ein gelbliches, arides Ansehen. – Ueber San Diego hinaus ändert sich die Küstenansicht abermals. Die Gebirge sind tief in des Landes Innere zurückgewichen; von ihrem Fuße strecken sich Ebenen hin, mit mannshohem Prairiegras und buntblühenden Sträuchern überwachsen, wo Hirsch- und Büffelheerden weiden und der Wolf und der graue Bär jagt oder von dem berittenen Indianer gejagt wird. Wie auf dem Meeresspiegel oder in hohen Kornfeldern, so gräbt der Wind auf diesen Steppen seine Furchen und thürmt seine Wogen auf und es ziehen die Wolkenschatten geisterhaft über die weiten Flächen. Doch nicht lange, so treten die Gebirge von Neuem der Küste nahe. Sanft dachen sie sich zu derselben ab, oft durch Thäler gespalten, aus denen kleine Flüsse oder murmelnde Bäche die Wasser des Gebirgs den Buchten zuwälzen, in welche sie sich ergießen. Die Zeichen der Ansiedelung werden fortan mit jeder Stunde häufiger. Zwischen vorliegenden, meist bewaldeten Inseln öffnen sich Häfen mit Städtchen und Dörfern und die Leuchtthürme auf den verschiedenen Punkten der Küste, die Signalstangen auf jedem Vorgebirg, das häufige Begegnen von größern und kleinern Fahrzeugen, welche dieses vor wenigen Jahren noch so einsame Meer durchschneiden, sind so viel Zeichen eines neuen, hier heimisch gewordenen, rastlos schaffenden Lebens und einer wunderbar schnell sich entfaltenden Kultur. Endlich treten die blauen Linien in der Tiefe des Landes, in nördlicher Richtung, zu bestimmteren Gebirgsgestalten zusammen, – und von der Abendsonne erleuchtet sehen wir die Firnen der Sierra Nevada strahlen wie pures Gold! – Es ist das Ziel, das „Eldorado!“ – und keine Fabel, wie das Goldland der alten Seefahrer im Süden; denn die Sierra Nevada ist es, welche den Staub ihrer Goldschätze in die Thäler und Schluchten gestreut hat, wo ihn jetzt Hunderttausende zu Reichthümern sammeln! – „Eldorado!“ ruft’s und zeigt’s mit tausend Kehlen und Fingern – und das gierige Auge hängt träumerisch an den fernen schneebedeckten, goldig schimmernden Bergen. Lebhafter knistert’s nun unter den Kesseln, rascher geht der Kolbenhub in den Zylindern, schneller umdrehen sich nun die Schaufelräder und kräftiger theilt der Kiel die Fluth: an der herrlichen Bucht von Monterey, der einstigen Hauptstadt Kaliforniens, rauscht der Dampfer vorbei, – er sucht, das „goldene Thor“. – Alles Lebendige ist auf dem Decke versammelt; Erwartung, bange Hoffnungen, Verlangen, Zweifel, Habsucht, stürmen und wogen in allen Gesichtern; die Unterhaltung verstummt und Jeder scheint nur mit sich und seinen Angelegenheiten und Plänen beschäftigt.