Seite:Meyers Universum 14. Band 1850.djvu/255

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Etwa 3 Meilen von der Oeffnung des Meerbusens von San Francisco ragt hoch über der Meeresfläche ein kegelförmiges Eiland. Es ist der Wächter des goldenen Thors. Das Meer bricht mit furchtbarer Gewalt und Brandung an den Klippen und es scheint, als wollte es sich hier recht austoben, ehe es in die ruhigen Gewässer der Bay hineinrollt. Vorsichtig und respektvoll lenkt der Steuermann den Kiel an dieser umtosten Riesenwarte vorüber, bis der Blick gerade in die Pforte hineinfällt, welche des allgewaltigen Meisters Hand in den Felsdamm des Küstengebirgs gebrochen hat. Wie abgeschnitten stehen rechts und links die senkrechten Bergwände in einer Entfernung von etwa 250 Fuß einander gegenüber. Auf der Zinne der südlichen Wand ragt ein halbzerfallenes Gemäuer, eine ehemalige Befestigung, und hoch darüber wogt die Unionsflagge in den Lüften; an die Südseite aber lehnt sich das alte Presidio der Spanier. Diese Einfahrt nannte Freemont, der kühne Durchforscher dieser Länder, in Auffassung ihrer Zukunft, „das goldene Thor“ – (Chrysopyla) – hindeutend auf die Bestimmung dieses herrlichsten unter den Häfen der Erde, in welchem alle Handelsflotten in voller Sicherheit vor Wind und Fluthen sich bergen können, um, als Mittelpunkt des Welthandels, das zu werden, von dem Tyrus, Karthago, Konstantinopel, London, Liverpool und New York nur schwache, schattenhafte Andeutungen geben können. Was Byzanz in seiner Blüthe für den Orient gewesen ist, das wird St. Francisco einst für die ganze Erde seyn.

Merkwürdiger Weise reicht die Zeit, in welcher die Hand der Allmacht den Felddamm zerriß, um die Bay von St. Francisco zu öffnen, noch bis in die der menschlichen Sagenzeit hinan. – Die Indianer erzählen, der große Geist habe in einer finstern Sturmnacht, erzürnt über die empörten Ungeheuer des Oceans, ein Stück aus dem Felsdamm gebrochen und es auf sie geschleudert; darunter lägen sie begraben in der Tiefe. – Geologische Forschungen haben nachgewiesen, daß die Bay noch in späten Zeiten des Erdenlebens ein geschlossener Süßwassersee gewesen, der durch ein Erdbeben, das vielleicht ungewöhnlich große Wassermassen aus dem Gebirge der Sakramentothale zuführte, seine Scheidewand theilweise verlor.

Die Einfahrt ist durchaus sicher, selbst für die allergrößten Schiffe. Keine Untiefen, keine Sandbänke, weder Riffe noch blinde Klippen versperren das Fahrwasser, oder bringen Gefahr. Es ist herkömmlich, daß die einfahrenden Schiffe sich nördlich, die ausgehenden südlich halten.

Wie das Schiff allmählig aus dem langen Felsenthore in die Bay gleitet, so erweitert und verherrlicht sich der Blick mit jeder Sekunde. Das Meer streckt sich zu beiden Seiten in eine Bucht aus, die das Auge kaum zu übersehen vermag. Ihre hohen Ufer schützen sie vor allen Winden. Ruhig ist in derselben das Meer wie ein stiller Landsee. Aus der spiegelnden Fläche tauchen mehre Eilande empor – manche mit flachen Ufern