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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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unten weideten Bison und Hirsch, und sprangen das Reh und der Hase, und in dem Gebüsch schlüpften die bunten Eidechsen und Schlangen, und die Schaaren von Schmetterlingen und Cikaden und Libellen gaukelten um das Laub der Sträucher oder naschten an ihren Blüthen und an den Blumen der Staudengewächse, welche jede offene Stelle im Urwald schmückten. Dieser Wildniß Kind und zugleich unumschränkter Herr war der rothhäutige Mensch. In schwache Indianerstämme gespalten, hatte er seine Hütten aus Büffelhaut oder von Baumzweigen gruppenweise am Ufer des Meers oder des Flusses, oder in versteckten Waldwinkeln aufgeschlagen. Unstät wanderte er umher von einem Jagdgebiet zum andern; und die Frau, des Mannes Sklavin, zog ihm mit den Kindern nach. Die Natur war wie im Paradiese; des Menschen Herrschaft über sie war noch keine drückende; aber der Friede des goldnen Zeitalters wohnte nicht auf diesem Stück Erde. Tödtlicher Haß trennte die Stämme und Horden der Indianer und der Haß erbte fort von Geschlecht zu Geschlecht. Krieg und Fehde endeten niemals; die Gefahr folgte dem Menschen auf jedem Schritt, er mußte beständig auf der Hut seyn, oder auf der Lauer, die Freude des ruhigen Genusses und das Gefühl der Sicherheit waren ihm unbekannt. Schlau und listig, grausam und todtverachtend, rachsüchtig und tapfer, zu jeder Anstrengung wie zu jeder Entbehrung fähig und aufgelegt, war der Mensch gleichsam das reißendste unter den wilden Thieren des Urwalds; und auch seine Neigungen und Bedürfnisse waren den ihrigen gleich. Dem Judianer war die Jagd seine einzige Lust und sie gab ihm seine einzige Nahrung. Er verschmähte es, Früchte und Pflanzen zu genießen. Sein Gesetz war des Stammes Gewohnheit, sein Recht des Armes Stärke, sein Kultus die Verehrung der Naturkräfte, die Furcht war sein Gebet. Der Donner war die Stimme, der Blitz, welcher die Eichen des Waldes niederschmetterte, war die Hand des großen Geistes. –
Also waren des Hudsons Ufer beschaffen und die Menschen, die es bewohnten, als vor 250 Jahren eine Gesellschaft vertriebener Calvinisten aus Holland an dieser Küste landete, um sich eine neue Heimath und der Gewissensfreiheit ein Asyl zu gründen. Die Flüchtlinge errichteten auf Staaten-Island (dem sie den Namen gaben) eine kleine Faktorei für den Tauschhandel mit den Rothhäuten, und gegenüber, auf der Spitze des Hudsondelta, erbauten sie ein Dutzend Blockhäuser mit einem hölzernen Kirchlein und nannten die Niederlassung Neu-Amsterdam.
Dritthalb Jahrhunderte sind seitdem vergangen. Wie klein ist diese Spanne Zeit und wie groß ist die Verwandlung! Was ist aus jenem morastigen Eiland im Hudsondelta und aus seinem Walde geworden, in dem das Geheul des Wolfs und des Bärs widerhallte? Das Paradies von Neu England, in dem die lachenden Bilder der Gesittung in allen Farben glühen und der Reichthum und der Luxus der nahen Weltstadt Feste feiert das ganze Jahr. Die Insel ist ein Garten; Villen prangen auf jedem Hügel, und in jedem Thal und in jedem Gründchen ist das Leben der feinen Weit in anmuthigen Cottages versteckt, umgeben von freundlichen
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 261. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/267&oldid=- (Version vom 1.8.2025)