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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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In Indien, als der anerkannten Wiege des Menschengeschlechts und der ältesten Kultur, ist der Schauplatz, wo die ersten, bleibenden Denkmäler der Baukunst ins Leben gerufen wurden und sich noch vorfinden. Was wir dort sehen, das sehen wir, mit zwar veränderten Formen, welche die veränderten Ortsverhältnisse bedingten, in Aegypten und allen den Ländern wieder, wohin sich die indischen Argonautenzüge erobernd und kultivirend, kolonisirend oder Staaten gründend richteten. Unverkennbar ist die Stammverwandtschaft in den ältesten Monumenten Aegyptens mit denen des indischen Sonnenlandes. Thebens ewige Tempelbauten und die Necropolen seiner Könige erinnern an die ältesten Monumente Asiens, und in den Formen der Grabdenkmäler der Küste von Coromandel erkennen wir Verwandte der Pyramiden. – Der Charakter der altindischen Bauwerke, welche fast ohne Ausnahme den religiösen Kultus zum Motiv haben, zeugt von einer gewaltigen Größe der Konception unter dem Einfluß einer regen Phantasie und eines begeisterten Gefühls, das, den Banden des berechnenden Verstandes fremd, ins Formlose hinüberschweift. In Indien, wie später in Aegypten, war die Priesterschaft Jahrtausende lang ausschließlich die Trägerin der Kultur. Die Tempel der Götter sollten Ehrfurcht und zugleich Grauen erwecken. Ihre Formen mußten folglich den rohen Völkern imponiren und zu der Religionslehre passen, welche die Nationen dem eisernen Joch des Cultus willenlos unterwarf und sie in die Fesseln der Priester schmiedete.
Die reichgestaltige Götterlehre der Hindus, einer Welt religiöser Sagen und Mährchen, kam jener phantastischen, barocken Richtung der Baukunft zu Statten. Die ganze geistige Existenz des Hindu dreht sich beständig im Reiche der Phantasie; das Nächste und Gewöhnliche sieht er im Lichte des Wunderbaren; seine eigene Geschichte verschwimmt vor seinem Auge und löst sich in Sagen auf. So war es bei diesem Volke vom ersten Anfang an. Darum ist seine Baukunst, obschon sie sich nicht mehr zu den gewaltigen Konceptionen der alten Zeiten erheben kann, auch jetzt noch ein Aufeinanderhäufen von phantastischen Formen, und die Betrachtung derselben endigt, so sehr man auch Einzelnes bewundern mag, mit dem Eindruck der Verwirrung.
Unter den ältesten indischen Baudenkmälern stehen die unterirdischen Tempelbauten im Dekan, vorzugsweise in der Gegend von Bombai, in der vordersten Reihe. Sie sind mit unbegreiflicher Mühe in den Felsen des Porphyrgebirge gehauen und bilden unterirdische Grotten von oft ungeheurer Größe – Säle von verschiedener Höhe, Länge und Breite, öfters viele mit einander verbunden, seltener ein einziger gesonderter Raum. Die ausgehauenen, meistens mit Verzierungen geschmückten Decken werden stets von 2 Reihen Säulen getragen, die gewöhnlich Thier- oder Menschengestalten vorstellen oder sonst verzierte Formen haben und zu einer Estrade am Ende des Raumes, dem Sanktuarium führen, an dessen Rückwand die Gestalten der Götter aus dem Fels gemeißelt und in Relief abgebildet sind. Die berühmtesten Monumente dieser Art sind die Höhlentempel von Elephanta, von Carli, auf der Insel Salfette und bei Ellora. Hier ist der Dher-Warrah einer der besterhaltenen,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 266. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/272&oldid=- (Version vom 2.8.2025)