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| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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glauben, daß sie nicht die Hand eines geschmackvollen und sinnigen Künstlers geordnet habe, senkten sich, hier schön geschwungene Guirlanden, dort blumige Wände bildend, von den Wipfeln und Zweigen herab bis auf das Wasser, von welchem die Spitzen in sanfter Biegung stromab gezogen wurden. Ich hatte einen Theil der Nacht wachend zugebracht und mich dem Eindruck der Scene überlassen. Sonderbare Baumformen stellten sich im Dunkeln gespensterhaft dar und sie schienen sich fortzubewegen, wie das Auge sich umsonst bemühte, ihre wahre Gestalt zu erkennen. Von Zeit zu Zeit hatte der Schlag eines Krokodils im Wasser, der Schrei eines Nachtvogels, das Gebrüll eines hungrigen Panthers, das Geheul anderer mir unbekannten Thiere im Walde, – fremdartige Laute für mein Ohr – die Stille unterbrochen. Zuletzt war ich eingeschlafen. Am Morgen wurde ich durch einen Gesang geweckt, welchen die Bootsleute an die heil. Jungfrau richteten. Die Töne drückten jenes tiefe religiöse Gefühl, jenen sehnsüchtigen Schmerz einer unglücklichen Kinderseele aus, der den Charakter einiger der einfachsten, aber ergreifendsten Melodien der katholischen Kirche bildet. Die nackten Männer saßen auf ihren Bänken, die Ruder in der Hand, der Patron am Steuer, zwei von ihnen im Begriff den kleinen Anker zu lichten, und alle bereit, das harte Tagewerk unter einer senkrechten Sonne zu beginnen. – Eben ging sie auf, die dunkeln glänzenden Blätter der nahen Bäume vergoldend; und wie ihre ersten Strahlen auf die bronzefarbenen Körper fielen und ihre athletischen und kräftigen Formen in scharfen Kontrasten hervorhoben, während die klagenden, bittenden Töne aus ihrem Munde drangen, erschien es mir, als ob sie, ohne es zu wissen, einen Zauberspruch sprächen, dessen unverstandene Macht ihre wilde Natur gebändigt. Plötzlich hallte der nämliche Gesang aus der Nachbarschaft wieder, und andere Stimmen in einiger Entfernung vereinigten sich mit denen unserer Mannschaft. Zwei andere Piroguen hatten, ohne von uns bemerkt zu werden, in einiger Entfernung hinter vorspringenden Laubmassen geankert, und ihre Mannschaften stimmten in die Hymne der unserigen ein.
Endlich verhallten die Töne in der paradiesischen Wildniß. Ein stilles Gebet – unser Anker wurde gehoben – und mit einem „Bï gará!“[1] wurden zwölf Ruder in Bewegung gesetzt. Die Sonne glänzte flimmernd in dem bewegten Wasser. Die Gipfel der Bäume standen von Licht umflossen. Affen kletterten in den Zweigen. Glänzende Lapa’s[2] flogen zu Paaren über den Fluß. Rundumher Heiterkeit, Glanz, Ueberfluß der Natur!
Nicht Eintönigkeit ist der Charakter der Scenerie des San Juan; die ganze Uferlandschaft ist ein beständiger Wechsel ursprünglicher Naturschönheiten. An drei oder vier Stellen sieht man eine Hütte, in der sich ein mit wenigen Bedürfnissen befriedigter Ansiedler aus dem oberen Lande, oder ein Holzbauer, welcher für die Dampfboote Brennmaterial schlägt, mit Weib und Kind niedergelassen hat. Dies sind die Kulturerscheinungen der jüngsten Zeit, welche man jedoch
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 280. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/286&oldid=- (Version vom 9.8.2025)