Seite:Meyers Universum 14. Band 1850.djvu/291

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
DCLVII. Kiel in Holstein.




Wir haben einen Blick in die Natur des amerikanischen Sonnenlandes gethan. Es that eine neue Welt sich vor uns auf. Wir ahneten das neue Leben, das sich in jenen Regionen entwickelt, und sahen gleichsam ein Stück von dem Schleier, welcher eine neue Zukunft des Menschengeschlechts verhüllt. Ihn lüftet keine Forscherhand der Gegenwart; aber die Zeichen spannen die Erwartung hoch. Ueberall ist ein heimliches Regen; ein stilles und doch gewaltiges Treiben; ein unaufhörliches Ineinanderschießen von Wärme und Licht; ein Hin und Widerstrahlen, ein Auf- und Abwogen, ein Gähren und Brüten, ein Heben und Sinken wie vom Athem der Zukunft. Die todten Massen der transatlantischen Kontinente beleben sich vor unsern Augen. Sie streifen ihre Hüllen ab, die schlummernden Kräfte erwachen, die gebundenen Triebe werden frei und die Länder von überschwenglicher Fruchtbarkeit und voll von Schätzen – sie öffnen ihre Pforten, um die Menschen der alten Welt zu empfangen. Die Nationen der alten Civilisation sind in Bewegung und Millionen bereiten sich vor, ihre Wohnsitze zu wechseln. Das scheinbare Hemmen und Niederhalten wirkt doch am Ende nur als Anstoß und Förderungsmittel für das raschere Entfalten des erregten Emigrationstriebs.

Die erwachte Lust der Menschen am Wechsel und Wandel, ihre unbezwingliche Sehnsucht nach befriedigendern und glücklichern Zuständen, der Verfall der Macht der Gewohnheit, der Muth zum Zerbrechen der alten Fesseln, die Wanderfreudigkeit, welche die Menschen ergriffen hat, und der Trieb, der hindrängt aus den alten Kontinenten und Reichen, sind die wichtigsten Faktoren dieser Zeit. Der Auswanderungstrieb ist für manches Volk die letzte rettende Kraft. Viele halten die alte Heimath nicht mehr des Streites werth; Gleichgültigkeit tritt mehr und mehr an die Stelle der Vaterlandsliebe; man trennt sich leichtern Sinnes von der Scholle, auf der man geboren ist, und dadurch wächst mit jedem Jahre der Menschenstrom aus der alten Welt nach der neuen im Westen. Die Strömung einzudämmen, ist eine Unmöglichkeit. Die Anziehungskräfte Amerika’s sind unüberwindlich geworden, und was jetzt die Macht erstrebt, um ihnen indirekt entgegen zu wirken, verfehlt seinen Zweck ganz und gar und macht nur das Uebel ärger, was sie heilen will. Groß gezogen an den Brüsten der Wissenschaft und des Nachdenkens, können die civilisirten Völker nicht mehr in magnetischen Schlaf versinken. Alle Experimente zu diesem Zweck müssen scheitern, und am wenigsten kann eine Lehre fruchten, welche